T ausende vergessener Opern modern im Sumpf der Musikgeschichte, Hunderte wurden nie je aufgeführt, warum just jetzt diese? Und wieso sind vor dieser denkwürdigen, 202 Jahre verspäteten Uraufführung so windungsreiche Rechtfertigungen, ja fast schon Entschuldigungen zu hören? Da versichert der Regisseur, er habe sich hauptsächlich des Librettos halber für das Stück entschieden und die Musik, die er eher "schmal" und "bescheiden" findet, erst kürzlich kennengelernt. Da erklärt der Dirigent, man wolle frisch und zügig spielen, dann sei die Musik doch wohl theatergemäß "Gewichtige Gründe" müsse es geben für die Ausgrabung dieser Oper, wird dem Premierenbesucher im Programmheft bedeutet, und er liest weiter, verblüfft: daß "diese Gründe nicht in der Bedeutung ihrer Autoren liegen können".

Nicht? Hilf, Samiel, dann nichts wie raus hier! Doch schon wird es dunkel, schon geht die Ouvertüre an (wie versprochen zügig und frisch) und ist, mit blitzenden Streichern, viel zu schnell vorbei. Schon hebt sich der Zwischenvorhang (bedruckt mit der ersten catilinischen Cicero Rede), schon kommt da bullig breitbeinig ein wilder Catilina angeschnaubt und ruft nach "Gefährten! Genossen!". Die wiederum, nicht faul, schreien nach "Freiheit", "Rache" und dergleichen, dann saufen alle eimerweise viel zu blutrotes Blut, und ha! schon saust Sempronia herbei auf ihrer Vespa und macht die Männer mit einer selbstgedichteten Revolutionshymne zur Schnecke. Der Chor (einstudiert von Andre Weiss) ist in allerbester Tagesform, das Orchester (unter Stephan Tetzlaff) spielt auf hohem Niveau. Und so wird es eine himmelstürmende Introduktion mit einem elan oper anno 1792 genausogut zu Gesicht hätte stehen können.

Auch führt sie schulmäßig schnell in medias res und türmt, um das Maß der italienischen SeriaWonnen vollzumachen, rhetorisch einwandfrei musikalische Rede auf Antwort auf Rede, für jede Gemütswindung sind die Affekt Formeln in Rezitativ und Arioso perfekt parat. Das heißt, eigentlich gibt es in diesem Stück nur Secco Rezitative, davon allerdings eine unerhörte Vielfalt. Und andererseits gibt es kaum komplette Arien, Duette und Ensembles nach bewährter Art, sie sind immer abgekürzt, abgebrochen oder ausgefranst, und eines geht über ins andere.

Fulvia holt aus zu einer klassischen Da capoArie: Glanz ist ihr Ziel, wie es sich gehört mit Dur Dreiklängen und hellem Trompetensound, aber dann wechselt sie ihre Meinung, und die Arie bröckelt weg. Cicero probt, mit Denkpausen und Varianten, seine erste Rede: Quo usque tandem scher Rhetorik, der Konsul ist von sich selbst entzückt: "Diese Wendung hat Vollendung, ich bin geistvoll und beredt Aber dann stellt er sich, als er auf die Rostra steigt und sprechen muß, so dämlich an, daß er zum Entzücken aller (sowie aller anwesenden Lateinschüler) die berühmte Rede nicht vollenden kann. Zwar ist irgendwie alles vorhanden in diesem Stück, was zu einer veritablen Seria Oper gehört (von der Preghiera- bis zur Ombra Szene), doch alles verfremdet und verzerrt. Die klassische Formen weit der Oper ist aus den Fugen geraten, und ganz offenkundig hat das ein Meister ihres Fachs ins Werk gesetzt.

"Catilina" wurde von Antonio Salieri in den Jahren 179192 komponiert, nach einem glänzend geschliffenen Textbuch von Giambattista Casti und offenbar war das Stück von vornherein für die Schublade gedacht. An eine Aufführung an der Wiener Hofoper nämlich war bei dem blutrünstig brisanten Stoff und bei Castis spitzer Feder, die weder Herrscher noch Rebellen schont, sowieso nicht zu denken, auch hatte sich Salieris Brötchengeber soeben in die französischen Revolutionskriege geworfen, um seiner tres chere tante, wenn schon nicht den Thron, so womöglich doch den Kopf zu retten. Also wurde "Catilina" zu einem Selbstzweck: Diese Oper erscheint wie ein Experiment, wie ein verwirrend buntes Musterbüchlein, ein früher Fall von Lart pour lart. Mal gibt sie sich als Semiseria, mal als Buffa, dann wieder als Vorstadtposse; ist unerträglich komisch, dann wieder steif und tragisch, bitterböse gemeint, manchmal aber augenzwinkernd, hat keine klassische Klimax, dafür viele, viele Höhepunkte; kurzum: Das Stück ist ein Juwel.

Und zwar für die Liebhaber. Ob es wirklich für die Bühne taugt, ist eine andere Frage. Salieri selbst sprach von einer "Oper im heroisch komischen Genre" und empfahl, sie sei "eher zum Lesen als zum Aufführen da". Das Darmstädter Team war da entschieden anderer Meinung und benutzte zur Uraufführung eine vorzügliche, anspielungsreiche Übersetzung ins Deutsche von Josef Heinzelmann. Wenn schon so weit vorgewagt, dann wäre es nur mehr ein Klacks gewesen, das Stück noch einmal zu verfremden und eine sperrige Zeitoper daraus zu machen, beispielsweise über den Verfall der politischen Sitten im sogenannten Superwahljahr. Doch die Ausstattung bleibt schick und schmerzlos irgendwo in den zwanziger Jahren stecken, das Bühnenbild ist eine dezent dekadente, dabei immerfort anmutige Augenweide (Reinhard von der Thannen) - und auch als Regisseur verfährt von der Thannen nach dem Prinzip: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß! So ist aus Salieris blutig bösem "Catilina" am Ende doch noch eine Klamotte geworden.

Mag sein, das hat auch etwas damit zu tun, daß Antonio Salieri, von dem Oscar Bie einmal meinte, er habe sich erst "an Gluck angelehnt, als er ihn nicht umwerfen konnte", seinen denkbar schlechten Ruf hat als Komponist, und das seit bald 200 Jahren. Eleonore Büning