Der Reporter ist betroffen.

Und wir sind es auch, zu Hause, vor dem Fernseher. Denn der Reporter ist Gerhard Konzelmann. Noch vor kurzem sahen wir ihn vor wechselnden (echten) Kulissen über die muselmanische Bedrohung berichten, jetzt ist der belesene Islamexperte und Hobbykomponist Leitender Musikredakteur beim Süddeutschen Rundfunk. Auch jetzt hat er uns mit unseren Gefühlen nicht allein gelassen. Um uns auf die Schwetzinger Festspiele und auf die Uraufführung der Oper "Sansibar" einzustimmen, hat er uns zum Auftakt des Fernsehabends durch den Schloßpark geführt, hat die Moschee gezeigt und ein bißchen Voltaire zitiert, hat (Brunnen plätschern und Zuschauer in der lauen Frühlingsluft promenieren lassen.

Die Oper ist vorbei, der Applaus hat geprasselt - Konzelmann interviewt hinter den Kulissen den Komponisten Eckehard Mayer: "Was ist Ihr ganz persönlicher Eindruck als Komponist nach diesem Abend, nach dem Erfolg dieses Abends?" Bange Frage, klare Antwort: "Ich bin irgendwie gerührt", sagt Eckehard Mayer. Nach diesem Satz, der unsere Betroffenheit ins Unermeßliche steigert, fällt prompt der Fernsehton aus.

Bilder aus Dresden - dort wurde der Komponist 1946 geboren; Konzelmann erzählt von Richard Wagner und Richard Strauss ("Dresden - ein Wunder für Opernkenner"), zeigt Photos von der Zerstörung der Stadt. Gemütliches Plaudern mit Eckehard Mayer, der am Flügel sitzt und die schlichten Fragen des Reporters schlicht beantwortet. Dann ist auch der Film vorbei, und wir haben die kulturpolitische Tragweite begriffen: Der deutschfranzösische Kulturkanal arte hat dieses Ereignis live übertragen, und die Franzosen wissen jetzt, daß (1 ) im deutschen Festspielstädtchen Schwetzingen (2 ) die Oper des deutschen Komponisten Ekkehard Mayer (3 ) nach "Sansibar oder der letzte Grund", dem Roman des Deutschen Alfred Andersch, uraufgeführt wurde, wobei der Komponist (4 ) sich mit der unseligen deutschen Vergangenheit beschäftigt hat und (5 ) mit "entarteter" Kunst und er Reporter, noch ganz benommen von den vielen Klängen und Tönen der Oper, die er gerade ge(6 ) mit bedrohten Menschenleben und überhaupt (7 ): mit der Intoleranz von Diktaturen. Eine politische Oper, präsentiert von einem prominenten Reporter bitte, liebe Franzosen, glaubt uns. So wird Fernsehen zum Ereignis, wird Oper zur Kultur - zur "Uraufführungs Ereigniskultur". Das war am Mittwoch.

Zwei Tage später wurde die Oper "Sansibar" wieder uraufgeführt. Die Journalisten hatte man zwei Tage zuvor ausund für die zweite Aufführung eingeladen, denn die Premiere war nur eine Fernsehaufführung - mit echtem (dreistellige Summen zahlendem) Publikum zwar, aber falscher, weil viel zu heller, freilich fernsehgerechter Beleuchtung. Die vielen zusätzlichen Fernsetscheinwerfer hatte man nun wieder abgebaut und die Szene so eingerichtet, wie es sich der Bühnenbildner Pieter Hein und der Regisseur Kurt Horres vorgestellt hatten.

In dem engen, nach oben geschlossenen Raum der Schwetzinger Bühne treten auf:

Judith, ein jüdisches Mädchen, das um sein Leben bangt und fliehen will; der Fischer Knudsen, ein Kommunist; der junge Gregor, ebenfalls ein Kommunist; der Pastor Heiander, in dessen Kirche eine berühmte Bariach Figur steht; der Schiffsjunge, der von der Freiheit, von Sansibar träumt. Rerik 1937: Das mecklenburgische Ostseestädtcher, ist für viele Menschen die letzte Hoffnung, vor den Nazis nach Schweden fliehsn zu können. Nach langem, inneren Kampf ist der Fischer Knudsen, der mit dei Kirche hadert, aber auch mit der eigenen kommunistischen Partei, schließlich bereit, mit seinem Kutter die Überfahrt zu wagen, Judith in Sicherheit zu bringen und den "Lesenden Klosterschüler" von Ernst Barlach, den die Nazis als "entartete" Kunst beschlagnahmen wollen.