Von Christoph Dieckmann

Schon einmal hat sich auf der Ostsee-Insel Hiddensee ein grauenhaftes literarisches Zerwürfnis zugetragen. Anfangs der zwanziger Jahre besuchte das bekannte Wessi-Autoren-Ehepaar Th. Mann den Jnselfürsten G. Hauptmann behufs Ferien. Raum ist in der kleinsten Hütte, aber Hauptmanns Sommerhaus faßte nicht zwei Titanen. Der Hausherr fühlte sich observiert von seinem Gast, der abendlich oben im Stübchen alles, was er tagsüber Hauptmann abgelauscht hatte an Tiraden, Posen und Macken, in eine Puppe namens Peeperkorn stopfte. Die Besucher reisten vorzeitig ab. Thomas Mann: Die Frauen vertrügen sich nicht...

Auf derart kontaminiertem Boden wagten die Verlagsgruppe Bertelsmann und der Bertelsmann Buchclub nun nach 1993 ein zweites Hiddensee-Gespräch deutscher Autoren, "Irrland – Deutschland" übertraf die vorjährige Diskussion an Teilnehmern (diesmal fast hundert), an Abstand von der Wende, doch gewiß nicht an Ost-West-Animosität. Fast spräche man von deutlicher Annäherung, wenn dies der Zeitgeist nicht so strikt verböte. Es war ehrlich und intensiv. Was war?

Zwei Psychologen fingen an. Horst Eberhard Richter ("Wer nicht leiden will, muß hassen") sah in beiden deutschen Landen Renegaten am Werk, die per Projektion mit der eigenen Vergangenheit abrechnen. Selbsthaß werde abgearbeitet an denen, die man einst idealisierte. Das Mißtrauen fahndet nach immer neuen Skandalen zu seiner Selbstbestätigung. Scham wird mediale Dekoration. Parteien entwürdigen humane Termini zur Kampfsprache. Aber Richter wäre nicht Richter, der "Gutmensch", der Ermutiger, wenn er nicht Hoffnung teilte. Wo anderen Zynismus wächst, wuchert ihm Güte. Die Zyniker und ihre Opfer, sagte er, haben mehr gemeinsam, als sie trennt.

Hans-Joachim Maaz referierte, was schon in seinen Büchern "Der Gefühlsstau" und "Die Entrüstung" zu lesen stand: Wir sind allzumal deutsche Brüder, denn zwischen der autoritären Disziplin östlicher Sozialisation und dem Zwangsgrinsen westlicher Marktanpassung walte prinzipiell kein Unterschied. Beide bringen den Menschen fort von sich selbst. Folgt Bedürfnisstau, folgt Aggressivität, folgt Krieg. Krise! rief Maaz ohne Unterlaß. Die westliche Industrie-Kultur siegt sich zu Tode! Als Redner ist Maaz Metaphoriker, als skeptischer Denker Generalist. Als Ethiker pflanzt er das Apfelbäumchen. Maaz’ Auftritte enthalten einen unfehlbaren Showstopper: Manfred Stolpe, seinen paradigmatischen IM, der "keiner werden mußte, um einer zu sein". Tumult! Ein Stoßtrupp, geführt von Friedrich Schorlemmer, kämpfte Stolpe frei. Rainer Kirsch sagte Gemeinheiten wie: Glauben Sie, Herr Maaz, wenn reiner Tisch gemacht würde, wäre der Tisch noch rein?

Wolfgang Hegewald lieferte einen mit Zitaten elegant versiegelten Essay über Wahrnehmungsverluste und Relativität: Paul Celans "zur Blindheit überredete Augen", Valéry und Monsieur Testes Frage, was natürlich sei: Erinnern oder Vergessen? Andy Warhol zitierte er und dessen Mordwort wider protestantische Autoren: "Der Fälscher ist der Held des elektronischen Zeitalters", als wäre Gutenbergs Galaxis samt all ihren Bibeln verglüht und jeder Konsens über Wahrnehmung dahin. Hegewald, den es wohl ein bißchen vor sich selber grauste, empfahl als Residenz des Dichters den Elfenbeinturm. "Dort verlangt niemand, daß ich immer meiner Meinung bin, und Wachsamkeit ist dort nicht der Quickie täglicher Resolutionen."

Es trat auf Stefan Krümmer, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Buch AG. Er erklärte das Buch zum Kulturgut, Klaus Schlesinger zu Krümmer: Was Sie Buch nennen, schreiben wir nicht. Stefan Heym fand, er doch. Theo Schäfer (Bertelsmann) schwor, Massenerfolge verhinderten nicht gute Bücher, sondern machten sie möglich. Sigrid Löffler erklärte Simmel zur Trägerrakete für Musil. Nach diesem befreienden Wort ward den Dichtern das Abendmahl gereicht.