BIRKENWERDER - Der Bürgermeister der Gemeinde vor den Toren Berlins hat ein Problem, ein massives sogar. Steinern und auf einen Sockel gestützt steht Kurt Vetters Problem schräg gegenüber dem Rathaus: ein Gedenkstein für die Gefallenen des Krieges. Welchen Krieges? Mit dieser Frage beginnen die Schwierigkeiten des Sozialdemokraten Vetter. Es muß an einem jener Tage gewesen sein, als der drahtige Mann über anderes als das alte Kriegerdenkmal zu entscheiden gedachte Über Kinderspielplätze und Flächennutzungspläne zum Beispiel. Da klopfte der aus Birkenwerder stammende Friedrich Freiherr von Senden, ein Brigadegeneral der Bundeswehr in Hannover, bei Bürgermeister Vetter an. Und fragte, ob er sich mit Soldaten der Renovierung des Kriegerdenkmals annehmen könne, das man wie an anderen Orten zu Zeiten der DDR hat verfallen lassen.

Vetter sagte ja, "wenns nichts kostet". Und von Senden machte seine Ankündigung wahr. Ein Steinmetz zog die Linien des Eisernen Kreuzes auf dem Findling nach, renovierte die Losung "Er starb für Dich - Die Gemeinde Birkenwerder", polierte die eingemeißelten Jahreszahlen "1914 1918" und "Und dann gab Herr von Senden den Anstoß, ob man nicht auch der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs gedenken sollte", sagt Kurt Vetter und fügt hinzu: "Da habe ich zugestimmt . Der Steinmetz hämmerte die Zahlen "1939 1945" ein. Die "Meißel Affäre" nahm ihren Lauf. Peter Ligner, PDS Mitglied, stellte; t Bürgermeister iKurt Vetter in der Gemeindevertretung zur Rede - weil erin den Verbindung deff! Jahreszahlen "1939 1945" mit der Zeile "Er starb für Dich - Die Gemeinde Birkenwerder" eine "Verherrlichung und Verharmlosung des Zweiten Weltkriegs" sieht. Vetter leugnete zunächst, etwas von der Umgestaltung des Denkmals gewußt zu haben. Später gestand der Bürgermeister.

Der Stein des Anstoßes kam ins Rollen. Die PDS Fraktion in Birkenwerder verlangte die sofortige Entfernung der hinzugefügten Jahreszahlen. Die SPD ging in Klausur und dann in die Offensive.

Mit einem Thesenpapier, in dem sie "Faschismus, Nationalsozialismus und Sozialismus als verschiedene Spielarten des Totalitarismus" beschrieb; in dem sie meinte, daß die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse nach dem Motto "Wehe dem Besiegten" abgelaufen seien; in dem sie den PDS Vorschlag, "Die Toten mahnen uns" einmeißeln zu lassen, als "allgemeine, um nicht zu sagen schwammige Formel" beschrieb.

Kurt Vetter zupft an seiner Krawatte "Vielleicht war das Thesenpapier eine Überreaktion", entfährt es ihm. Der Bauingenieur ist ein politischer Seiteneinsteiger. Vetters Vater war Sozialdemokrat. Er fiel im Zweiten Weltkrieg.

Vetter beugt sich vor: "Ich wollte, daß wir unserer Väter gedenken. Ich wollte keine politische Demonstration Daß er das Gedenken im Handstreich besiegelte, nicht lange nachdachte, welche Losung, welche Jahreszahlen auf den Stein sollen - "das war mein Fehler", sagt der Bürgermeister. Sein Parteifreund Arne Pfau aber, der Vorsteher der Gemeindevertretung, attackiert nun den PDSMann Ligner. Der sei "zugezogen" und in seiner Vergangenheit gar Mitglied der SEW, der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins, gewesen. Dinge, die Ligner nie geleugnet hatte.

Bürgermeister Vetter sorgt sich inzwischen, daß die Diskussion um den Stein den Findling zum Wallfahrtsort für rechte Stiefeltreter machen könnte. Also wird Birkenwerder eine Arbeitsgruppe bekommen. Kommunalpolitiker und Lokalhistoriker sollen über das Gedenken neu befinden.