Die Hochzeit des Kur- und Kronprinzen mit der habsburgischen Kaisertochter Maria Josepha im Jahre 1719 war eine solche Lustbarkeit, die sich über einen ganzen Monat erstreckte und dann in einem dreibändigen Prachtwerk zu Nutz und Frommen der Nachwelt dokumentiert wurde. Es gab Bälle, Opernaufführungen, Wasseijagden auf der Elbe, eine türkische Maskerade im Türkischen Palais, die Einweihung des Zwingers mit einem Fest der vier Elemente, Seeschlachten auf den Gewässern bei Schloß Moritzburg, Feuerwerke, einen revueartigen Aufzug der sächsischen Bergknappen, ein Damenfest mit Ringstechen und – nach dem Beispiel der Leipziger Messe – ein Merkurfest mit improvisiertem Jahrmarkt, auf dem sächsische Aristokraten in den Trachten von Winzern, Fischern und Gärtnern einherschritten.

Über alledem schwang der Kurfürst-König als ingeniöser Festordner seinen Zauberstab. War es ein Wunder, daß er auch beim Regieren bisweilen in den Glauben verfiel, es mit der Inszenierung von Redouten zu tun zu haben? Das Volk hatte zu diesen pompösen Veranstaltungen nicht nur Zutritt, sondern mußte dabei mitwirken. Der Bürgermiliz oblag die Aufgabe, die vor den Toren der Residenz lauernden Bettler am Eindringen zu hindern, damit sie die prangenden Haupt- und Staatsaktionen nicht störten.

Bei solchen Festivitäten fehlte fast stets Augusts Gemahlin Christiane Eberhardine, die auch nicht zum Katholizismus konvertiert war und Polen nie betreten hat. Wenigstens machte sie sich mit der Geburt des Kurprinzen nützlich; ansonsten stieß sie hinter der vorgehaltenen Hand bittere Sottisen gegen den verhaßten Gatten aus. Den Reigen der Mätressen führte die bereits erwähnte Aurora von Königsmarck an, die ihrem gekrönten Freund den Sohn Moritz gebar, der später als Marschall von Frankreich von sich reden machte. In dem Freiherrn Karl Ludwig von Pöllnitz fand der wettinische Don Juan seinen Leporello, der mit dem immer wieder aufgelegten Buch "La Saxe Galante" das glänzend geschriebene, allerdings mehr der Dichtung als der Wahrheit verpflichtete Register von Augusts Liebesaffären vorlegte.

Die Potenz des Herrschers soll über dreihundert "Bastarden" zum Leben verholfen haben: eine phantastische Zahl, die entweder auf Hofklatsch oder auf der regsamen Phantasie des immer zum Staunen aufgelegten Volkes beruhen muß. Tatsächlich sind, einschließlich des Kurprinzen, nur neun Kinder namentlich bekannt, die der Vater einmal, anno 1728, zur gemeinschaftlichen Familienfeier um sich scharte. Übrigens litt er es nicht, wenn eine seiner schönen Gespielinnen politische Komplikationen heraufbeschwor, wie die Gräfin Cosel erfuhr, die einen Fluchtversuch nach Preußen und andere Eskapaden mit beinahe fünfzigjähriger Haft auf der Festung Stolpen bezahlen mußte.

Augusts königlicher Nachbar, Kontrahent und gelegentlicher Zechkumpan, Friedrich Wilhelm I. von Preußen, schätzte solches Allotria gar nicht. Als er zusammen mit dem sechzehnjährigen Kronprinzen Friedrich Dresden besuchte und der Kurfürst ihm ein nacktes Mädchen, hingebreitet auf einem Ruhebett, präsentierte, hielt der Soldatenkönig seinem Sohn schnell den Hut vor die Augen. "Sie ist recht schön", murmelte der Preuße frostig, dem das Präsentieren von Gewehren wichtiger schien. Sachsen war viel reicher und wirtschaftlich entwickelter als Preußen, wo man sich erst noch großhungern mußte. Die Begehrlichkeit der Hohenzollern auf die Schätze Sachsens, wenn auch nicht auf sächsische Damen, war längst geweckt, zumal überdies die sächsisch-polnische Union dem preußischen Ausdehnungsdrang nach Osten einen Riegel vorschob.

August hat nicht geruht, die von ihm hellsichtig erkannte preußische Gefahr teils abzulenken, teils durch militärische Demonstrationen in die Schranken zu weisen. So im Manöverlager bei Zeithain an der Elbe, wo er dem Soldatenkönig unter klingendem Spiel die sächsische Armee vorführte. Dabei ging es wiederum nicht nur militärisch, sondern ebenso barock-kulinarisch zu: Dresdner Bäcker stellten dort aus 20 Zentnern Mehl, 326 Kannen Milch und 3600 Eiern einen Riesenstollen in einem eigens dafür erbauten Backofen her, aus dem der monströse Striezel mit Walzen und Ketten herausgezogen werden mußte.

Es hat, wie man weiß, den Sachsen auf die Dauer nicht viel genutzt. Die Begierde des Nachbarn auf das wohlhabende und vergleichsweise gut verwaltete Land war geweckt, und knapp hundert Jahre später, auf dem Wiener Kongreß, wäre es beinahe ganz von Preußen geschluckt worden. Schließlich haben preußisch-deutsche Historiker auch die Geschichte Augusts des Starken und seiner Nachfolger geschrieben, was einem späten Triumph von Asketen über Epikureer gleichkam, die sich den Böhmen, Österreichern und Bayern eigentlich näher verwandt fühlten als den schnarrenden Projektemachern jenseits der Nordgrenze.