Von Anne Frederiksen

Eine Stadt am Meer. Sanft rollen die Wellen an den Strand. Die Silhouette erinnert an Tausendundeine Nacht. Ein Idyll. Die 5000 Jahre alte Stadt Akko liegt in Israel. Ein Idyll? Eher das, was der Regisseur Andres Veiel zum Titel seines Dokumentarfilms gewählt hat: „Balagan“, die hebräische Umschreibung für das Chaos in Kopf und Bauch.

Labyrinthische Gänge ziehen den Zuschauer in eine Höhle. Erst allmählich wird er durch die Nebelschwaden hindurch gewahr, daß er sich an einem Ort des Schreckens befindet: in der nachgebauten Baracke eines Konzentrationslagers. Eine Frau, halbnackt mit einem Monstergebiß, klettert an einem Gerüst. Ein nackter Mann tanzt wild auf einem Tisch, schlägt sich dabei selber mit einem Knüppel. Die Distanz zwischen Schauspielern und Zuschauern ist – wie früher beim Living Theatre – aufgehoben. Niemand kann sich dem facetten- und kontrastreichen Spiel entziehen, niemand der beängstigenden Atmosphäre entfliehen.

Das Akko Theaterkollektiv zeigt ein Stück über den Holocaust. Das ist die eine Dimension und als Thema brisant und aufwühlend genug. Die zweite Dimension sind die Aus- und Nachwirkungen dieses schrecklichsten aller Völkermorde auf die Menschen in Israel heute. Andres Veiels Film fügt eine dritte Dimension hinzu: Er verbindet Teile des mehr als fünfstündigen Stücks „Arbeit macht frei vom Toidtland Europa“ (das 1992 in Berlin und ein Jahr später in Hamburg gezeigt wurde) mit den Biographien der drei Hauptdarsteller und liefert damit wertvolle Einblicke in dieses komplexe Gebilde Israel.

Die Frage, ob der Holocaust ein Thema ist, dem man sich künstlerisch nähern sollte – anläßlich von Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ auch bei uns kontrovers diskutiert –, beantwortet die Schauspielerin Madi Samadar Maayan mit einem klaren Ja. Sie gehört der zweiten Generation an, ist Tochter europäischer Juden, die Opfer der Shoah, wie man den Holocaust in Israel nennt, waren. Eine nachdenkliche junge Frau, umgeben in ihrer Kindheit von einer Atmosphäre des Verdrängens und Verschweigens, aufgewachsen mit einem Vater, der Sobibor überlebt hatte und die Schrecken dieses Lagers mit sich herumtrug „wie eine große Wunde“.

Madi Samadar Maayan war von Anfang an „anti“, radikal im Wortsinn, indem sie sich mit den Wurzeln des Holocaust und des israelischen Nationalismus beschäftigte und weder das eine noch das andere als unantastbar ansah. „We are the Champions of the world“, diese Selbsteinschätzung der Israelis weist sie weit von sich und scheut sich nicht, ihre Affinität zum Horst-Wessel-Lied zu bekennen. Radikal ist sie auch in ihrem Beruf: „Ich spiele keine Rolle, ich bin es selber.“ Ihre Identifikation ging so weit, daß sie während der Proben magersüchtig wurde und nur noch 39 Kilo wog.

Eine persönliche Herausforderung ist das Stück „Arbeit macht frei vom Toidtland Europa“ für jeden der Mitspieler. Das sensible Thema wirkt in Körper und Psyche hinein und führte, wie bei Moni Yosef, Sohn irakischer Juden, zu einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit dem Glauben. Als orthodoxer Jude mußte er sich fragen, ob er in diesem Stück, das mit vielen Tabus bricht, überhaupt auftreten könne. Da er in seiner Rolle gegen keine Glaubensregel verstößt, ging er „den goldenen Mittelweg“ und lebt jetzt für beides: seinen Glauben und das Theater.

Mehr als eine Herausforderung, ein Eingriff in seine Existenz, ist die Mitarbeit am Akko Theaterkollektiv für Khaled Abu Ali. Als Palästinenser lebt er in der achten Generation in Galiläa, ein Wanderer zwischen zwei Welten, die sich geographisch so nah sind, ideologisch jedoch Lichtjahre voneinander entfernt. Die Offenheit dieses Schauspielers öffnet Türen in die palästinensische Gesellschaft hinein.

Irgend etwas hält Khaled Abu Ali in seinem Dorf Szachuin, wo auch Frau und Kinder wohnen, doch sein Blick ist durch die Theaterarbeit so weit geworden, daß er seine Landsleute über die Geschichte des jüdischen Volkes aufzuklären versucht und um Verständnis wirbt für die verhaßten israelischen Soldaten, was ihn zum Verräter abstempelt. Der Holocaust ist für seine Freunde fern jeder Realität. Er selber hat erst vor vier Jahren in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem davon erfahren. Seitdem hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen: „Ich möchte alles aus der Vergangenheit der Juden erfahren, um die Zukunft meines Volkes zu verstehen.“ Im ersten Teil des Theaterstücks, das im Ghettokämpfermuseum spielt, erklärt er das Modell eines Konzentrationslagers – leise, demütig. Eine Zuschauerin nennt ihn einen „Gerechten der Welt“.

„Balagan“ kommt ohne jeden Kommentar aus und ist gerade deshalb aufrüttelnd und erhellend. Wer bisher hoffte, der Staat Israel könnte sich im fünften Jahrzehnt seiner Existenz „normalisieren“, wird nach diesem Film wissen, daß einfache Lösungen nicht zu haben sind. Die einzige Hoffnung: mehr Menschen, die es Khaled Abu Ali gleichtun.