Von Jörg K. Hoensch

Obschon die politische Entwicklung unter kommunistischer Ägide die Auffassung zu rechtfertigen schien, daß unser Nachbarland Böhmen dem „östlichen Mitteleuropa“ oder gar „Osteuropa“ zuzurechnen sei, sind die Länder der St. Wenzelskrone“, das „Herzland Europas“, geographisch, historisch, kulturell, sozioökonomisch und auch im Bewußtsein der Bevölkerung ein unverzichtbarer Teil Mitteleuropas. Vor dem Hintergrund des Neben-, Mit- und Ineinanderspielens von deutscher und böhmisch-mährischer Vergangenheit ist die Aufnahme des vorliegenden Bandes „Böhmens und Mähren“ in die aufwendig ausgestattete Reihe „Deutsche Geschichte im Osten Europas“ zumindest fragwürdig.

Um dem terminologischen Dilemma zu entgehen, hat der Stuttgarter Historiker Norbert Conrads 1989 den Begriff „Altostdeutschland“ eingeführt, dem er die ehemals preußischen Provinzen jenseits von Oder und Neiße, aber auch „alle historischen deutschen Siedlungsgebiete von Böhmen über Siebenbürgen bis nach Rußland“ zuordnet. Wie die im Ersten Weltkrieg in den politischen Wortschatz übernommenen Begriffe „Mitteleuropa“ und „Ostmitteleuropa“ kann auch diese jüngste Hilfskonstruktion nicht kaschieren, daß diese heterogenen Gebiete keine gemeinsamen historischen Entwicklungen aufzuweisen haben und sich für die Germania Slavica (Wolfgang Fritze) allenfalls eine „Geschichte der Deutschen“ schreiben läßt.

Durch die von den Herrschern, dem Adel und den Klöstern begünstigte Ansiedlung deutscher bäuerlicher Kolonisten und durch gezielte Stadtgründungen mit einer überwiegend deutschsprachigen Bürgerschaft erfolgte im premyslidischen Königreich des 13. Jahrhunderts ein beispielhafter Landesausbau, durch den der ethnische Dualismus begründet wurde, der wiederum die politische, soziale und wirtschaftliche Entwicklung Böhmens und Mährens bis ins 20. Jahrhundert hinein beeinflussen sollte. Trotz zeitweiliger Rückschläge während der Hussitenkämpfe und im Dreißigjährigen Krieg stellten die Deutschen 1921 22,5 Prozent der Landesbewohner, die sich erst jetzt, in der Abwehrhaltung gegen die junge Tschechoslowakische Republik, zur politischen Einheit der Sudetendeutschen und zu einem deutschen Volksbewußtsein zusammenfanden.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hegten einige wenige Patrioten, wie der Philosoph Bernard Bolzano, noch die Hoffnung, angesichts des jahrhundertelangen „brüderlichen Zusammenlebens“ von Tschechen und Deutschen werde ein „echter Bohemismus“ heranreifen und die „Stämme Böhmens“ zu einer böhmischen Nation zusammenwachsen. Diese Hoffnung zerschlug sich bereits im Vormärz im Gefolge der „tschechischen nationalen Wiedergeburt“ und der vom aufstrebenden tschechischen Bürgertum vertretenen nationalpolitischen Ziele.

In einem den wirtschaftlichen und vor allem den kulturellen Aspekten breiten Raum gewährenden, weitgespannten – vom 10. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichenden – Rahmen wird das deutsch-böhmisch/tschechische Beziehungsgeflecht dargestellt. Der Geschlossenheit des Bandes kommt zugute, daß ihn zwei ausgewiesene, ihrem Thema durch ihre Herkunft zusätzlich verbundene Spezialisten verfaßt haben.

Den Teil über das Mittelalter, ein Drittel des Bandes, hat der in Gießen lehrende Peter Moraw zu verantworten. Immer auf der Höhe des Forschungsstandes, in einem allerdings stete Aufmerksamkeit erfordernden Stil, stellt er differenziert die politische und sozioökonomische Ausgangslage der Staatsbildung und die Einbindung Böhmens und Mährens in die westlich-abendländische Kulturentwicklung und die römische Kirchenorganisation dar. Die vielfältige Abhängigkeit der böhmischen Länder vom Reich bedingte eine weitgehende Annäherung der Verfassungs- und Rechtsverhältnisse an die deutschen Zustände – und dieser Prozeß begünstigte seinerseits den Erfolg der Ostsiedlung, der nicht zuletzt durch die Übernahme der in Westeuropa herausgebildeten leistungsfähigeren Produktionsmethoden, Arbeitsverfahren und besseren Werkzeuge sichergestellt wurde. Moraws Überlegungen zu den „bewegenden Gruppen“ und zum Verhältnis Mehrheit – Minderheit, seine Würdigung des Zeitalters Karls IV. und seine die religiösen, sozialen und frühnationalen Strömungen einbeziehende Interpretation der hussitischen Revolution zeichnen sich durch präzises Detailwissen und überzeugende Zusammenfassungen aus. Gelegentlich gerät Moraw in Erklärungsnot, wenn er „nationale“ Zuordnungen vorzunehmen und den deutschen Anteil an der Geschichte Böhmens zu quantifizieren sucht.