Dieser 20. April 1939, ein Donnerstag, wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein. Für Deutschland und die Deutschen. Denn unser geliebter Führer, Adolf Hitler, wird heute fünfzig Jahre alt. Die Luft in der Reichshauptstadt ist lau, das Wetter schön, nun will der Lenz uns grüßen.

Aus den Zeitungen quillt eine Sintflut von Führer Lyrik, von vaterländischen Oden. Auch in den Kunstinstituten geben die Besten ihr Bestes. In der Staatsoper dirigiert Herr von Karajan "Fidelio", im Schauspielhaus spielt Herr Gründgens den Hamlet, im Schiller Theater kann man die Herren Wegener und George in "Heinrich IV " bewundern. Und weil die Deutschen ein lustiges, ein glückliches Völkchen sind, ist auch die heitere Muse an Führers Ehrentag nicht müßig. In den Boulevardtheatern spielt man Stücke wie "Weltrekord im Seitensprung" ("ein toller Schwank von Josef Geißel"), in den Lichtspielhäusern hat man die süße Qual der Wahl zwischen "Hotel Sacher", "Prinzessin Sissi" und ähnlichen Herrlichkeiten. 20. April, Frühling für Hitler, Maikäfer flieg! Ein halbes Jahr später ist Krieg.

Nicht nur der Große Diktator wird fünfzig in diesem Jahr. Just dasselbe schöne Alter hat anno 1939 eine der berühmtesten deutschen Possen erreicht: "Pension Schöller", ein Meisterwerk des Blödsinns, von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby. Ein deutsches Familiendrama aus den Operetten1 tagen der Kaiserzeit. Deutschland, wie es spinnt und lacht.

Gut vorstellbar, daß man den Schwank irgendwo in Großdeutschland an diesem 20. April 1939 aufgeführt hat, zu Ehren des Allmächtigen, der ja bekanntlich ein Mann war mit Sinn für Humor. Er hätte sich gewiß ganz köstlich amüsiert und in der Nacht danach wieder den Krieg ausgebrütet in seinem Hirn.

55 Jahre und einen Tag später gibt es an der Berliner Volksbühne die wahrscheinlich kurioseste Premiere der Saison: Frank Castorf (der Hausherr!) inszeniert "Pension Schöller", das heißt natürlich: Er inszeniert das Stück und inszeniert es nicht. Er läßt es auflaufen und zerschellen - und plündert das Wrack. Aber damit noch lange nicht genug: Er verlegt die Wilhelminische Komödie ins Kriegsjahr 1939, auf den Tag von Hitlers Geburtstag. Und er preßt in die Szenen der Berliner Posse Bilder aus einem ganz anderen deutschen Drama gewaltsam hinein: aus Heiner Müllers Szenenfolge "Die Schlacht!, Jede Castorf Premiere ist selber eine kriegerische Handlung.

auf Äbwegen.

ln "Pension Schöller" macht er sich bloß lächerlich, in der "Schlacht" macht er sich blutig. Wenn ihn nicht eine gnädige Komödiendramaturgie im letzten Moment rettet, wird er zum Mörder, Schlächter, Kannibalen. Ein Witz ist er noch immer, aber das Lachen ist uns vergangen. Gründlich.