ZEIT: Über den Fluchtort des Bankrotteurs Jürgen Schneider gibt es derzeit nur Vermutungen. Inzwischen wird aber international per Haftbefehl nach ihm gefahndet. Vorausgesetzt, er wird gefunden: Ist dann eine Auslieferung möglich?

Tiedemann: Eine Auslieferung wegen Wirtschaftsstraftaten, insbesondere wegen Betruges, erfolgt aus den meisten Staaten, vor allem wenn diese mit der Bundesrepublik ein Auslieferungsabkommen geschlossen haben. Dies ist im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten oder zu Paraguay der Fall. Es sind aber – nach Ermessen und unter Beachtung völkerrechtlicher Grundsätze – auch Auslieferungen durch Staaten möglich, mit denen kein Auslieferungsvertrag besteht, wie etwa zahlreiche Staaten Südamerikas.

ZEIT: Inzwischen wird sogar vermutet, daß Schneider auch Steuerbetrug begangen hat. Wie steht es dabei mit einer Auslieferung?

Tiedemann: Traditionell liefern viele Staaten wegen Steuerdelikten nicht aus – wohl als Fortwirkung der früheren Fehleinschätzung, es gehe bei der Steuerhinterziehung um ein Kavaliersdelikt. Neuere Auslieferungsabkommen wie das mit den Vereinigten Staaten ermöglichen dagegen auch eine Auslieferung wegen Fiskaldelikten.

ZEIT: Gibt es denn Länder, in denen Wirtsehaftsstraftäter vor einer Auslieferung überhaupt sicher sind?

Tiedemann: Mit einigen Staaten besteht keinerlei Auslieferungsverkehr. Zu diesen zählen El Salvador und Kuba, aber auch Neuseeland, einige asiatische Staaten und aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion hervorgegangene Satellitenstaaten.

ZEIT: Und wie steht es mit dem von Schneider beiseite geschafften Geld: Kann das im Ausland beschlagnahmt oder eingefroren" werden?