Menschen sind nicht die einzigen Lebewesen, die sich regelmäßig gegenseitig massakrieren. Schon bei Schimpansen jagen junge Männchen gemeinsam Artgenossen aus Nachbargruppen und bemächtigen sich der Sammelgebiete. Solche Scharmützel sind jedoch nichts gegen die Territorialkämpfe zwischen manchen Ameisenvölkern. Ob man sie wirklich "Kriege" nennen sollte, im Sinne jener hochtechnisierten Schlächtereien, wie sie nur der Mensch auf jener Kulturstufe, die wir in unüberbietbarem Sarkasmus als "zivilisiert" bezeichnen, zustande bringt, mag dahingestellt bleiben. Ameisenkämpfe sind jedenfalls den Stammeskriegen vorindustrieller Gesellschaft ten in vieler Hinsicht durchaus ähnlich.

In einem unterscheiden sie sich allerdings grundlegend von diesen Während die Menschen fast ausnahmslos junge Männer in den Krieg schicken, bekämpfen sich bei Ameisen bevorzugt alte Weibchen. Evolutionsbiologisch ist das verständlich. Es sind in beiden Fällen jene Gruppen, die für die Entwicklung und Vermehrung ihrer Gemeinschaften am ehesten entbehrlich sind. Alte Ameisenarbeiterinnen tragen nur noch wenig zur Kolonieversorgung bei. Bei Menschen mit polygynen Familiensystemen bleiben immer überschüssige Männer mit geringen Fortpflanzungschancen übrig; als junge Helden können sie sich nützlich machen.

Muß dies aber für industriell-technisch perfektionierte Gesellschaften genauso gelten? Oder sollten wir vielleicht, wie schon der Prediger Salomon empfahl, von Ameisen lernen? Wie wäre es zum Beispiel, wenn sich die Völker dazu entschließen könnten, statt ihrer jungen Männer – von deren geistigen und handwerklichen Leistungen nach landläufiger Meinung doch die wirtschaftliche Innovationsfähigkeit abhängt – die älteren Herren ins Gefecht zu schicken?

Der Einwand, sie seien dafür körperlich nicht fit genug, kann schwerlich überzeugen. Nicht nur weil sie allenthalben kraftstrotzend joggend durchs Unterholz brechen. Um aus Hunderten Metern Entfernung Frauen und Kinder mit Maschinengewehren niederzumähen oder aus vielen Kilometern Abstand Krankenhäuser mit Granaten in Schutt und Asche zu legen, braucht es ebensowenig überlegener Körperkraft oder sportabzeichenreifer Spurtgeschwindigkeit wie zum Absenden selbstlenkender Raketen oder zum Abwurf von Spielzeugminen oder Brandbomben aus hoch fliegenden Flugzeugen. Im Gegenteil: Was es zu alledem wirklich braucht, darüber verfügen gerade alte Männer wohl am allermeisten: nämlich über jene erbarmungslose Entschlossenheit, um hehrer Prinzipien oder purer Machtvorteile willen mit gutem Gewissen über Leichen zu gehen und sich weder durch Furcht ums eigene Leben noch aus Angst vor den unabsehbaren Schadensfolgen davon abschrecken zu lassen.

Im High-Tech-Krieg kann es daher weder an der Kriegstauglichkeit noch an der ausreichend leicht erregbaren Kriegsbereitschaft alter Männer einen Zweifel geben. Wie stünde es dann aber mit dem Nutzen/Kosten-Kalkül für menschliche Gesellschaften bei solcher Perversion aller militärischen Traditionen? Zunächst: Am Nachschub dürfte es nicht mangeln. Wenn unsere wissenschaftlich-technisch schlank getrimmte Arbeitsgesellschaft immer mehr Güter mit immer weniger Menschen produziert, bleiben ihr auch immer mehr ältere Männer im besten – das heißt wehrfähigen – Alter übrig. Müßte es für solche Frührentner nicht weit befriedigender sein, mit ihrer unbestreitbaren und streitbaren Lebenserfahrung dem Wohle des Ganzen zu dienen, indem sie es verteidigen, statt in nestleeren Familien ins Ferne zu sehen? Sind nicht überhaupt Eltern weit williger, sich für ihre Kinder zu opfern, als umgekehrt? Ist – zu hoffentlich überwiegenden Friedenszeiten – das herzhaft trinkfrohe und sangesstarke Gemeinschaftsleben unter Gleichaltrigen und Gleichgesinnten nicht weit verlockender als die Wacht am Sandkasten über spärliche Enkel?

Wäre es außerdem, da doch meist alte Männer über Krieg und Frieden entscheiden, nicht konsequent, wenn sie starken Worten auch gleich eigene starke Taten folgen lassen könnten? Würden sich die Probleme ausreichender Mannschaftsstärken bei fallender Geburtenrate und steigender Wehrdienstverweigerung nicht auf wunderbare Weise lösen, weil jene, die darüber klagen, sofort etwas dagegen zu tun vermöchten, indem sie ihre Wehrbereitschaft selbst befriedigen?

Gewiß, das erste Volk mit solcher postmodernen Wehrverfassung, das aus dem Heer der Alten ein Altenheer machte, könnte jungbemannten Nachbararmeen unterlegen scheinen. Aber erstens können bekanntlich immer intelligenter werdende Waffen solche Unterschiede ausgleichen. Vielleicht haben junge Männer sogar Hemmungen, sich mit alten Herren zu schlagen. Vor allem aber: Wenn einmal erkannt ist, wieviel klüger es ist, die alten Männer an die Front zu schicken, wird sich dieses Verfahren zweifellos sehr rasch weltweit ausbreiten. Es könnte sogar sein, daß, wenn es erst die Regel ist, Kriege immer unwahrscheinlicher werden, da urteilsreife Männer endlich über ihr eigenes Schicksal und nicht das anderer, jüngerer entscheiden. Damit bewiesen sie jedoch nur, was jede gute Wehrmacht beweisen sollte: daß sie den Krieg verhindern kann! Mit rüstigen Männern rüsten müßte also Zukunft haben.