Die Suche nach dem Paradies ist eine Triebfeder des Tourismus. Irgendwo muß es ihn doch geben - den Garten Eden, in dem friedliebende Menschen in Einklang mit sich selbst und der Natur leben. Der Frage, ob Bali womöglich die irdische Entsprechung derart himmlischer Zustände ist, geht Adrian Vickers in seinem Buch einer kulturellen Begegnung (Aus dem Englischen von Jochen Greven. Bruckner & Thünker Verlag, Köln 1994; 416 Seiten, 30 Schwarzweißphotos, 44 - DM) nach. Sein Fazit: Fast ein Jahrhundert lang haben Ausländer und Einheimische gemeinsam am Image der indonesischen Insel geschmiedet und ihr Wunschbild vom Hort der Götter und der Künste so tief verwurzelt, daß es heute als traditionsreiche Realität wahrgenommen wird. Bali ist ein Forschungsschwerpunkt des australischen Kulturanthropologen und Historikers Vickers. Obwohl sein Werk wissenschaftlichen Ansprüchen durchaus genügt, bietet es auch dem Laien fesselnde Lektüre und viele Denkanstöße. Sachkundig, aber zugleich anschaulich beschreibt Vickers die Geschichte Balis seit dem 16. Jahrhundert, als die ersten Europäer auf der Insel landeten. Sein besonderes Interesse gilt dabei dem Bild, das sich der Westen von Bali und seinen Bewohnern machte - und das sich im Lauf der Zeit mehrfach grundlegend änderte. Denn das jeweilige Image, das die Europäer der hinduistischen Insel gaben, wechselte entsprechend den politischen Bedürfnissen des Westens. So galten die Balinesen mal als kulturell recht hochstehende Verbündete im Kampf gegen den Islam, dann wieder als wild, grausam und unberechenbar odei auch als bedauernswertes Volk, das der Willkü) despotischer Herrscher unterworfen war.

Nachdem die Holländer die Insel in blutigen Kämpfen 1908 schließlich unterworfen hatten, erklärten die Kolonialherren ihren neuen Besitz zur Insel der Seligen mit einer außerordentlich reichen Kultur; bereits 1914 warb die holländische Dampferlinie KPM mit Prospekten für das Reiseziel Bali. Zahlreiche Veröffentlichungen, vom Reisebericht über wissenschaftliche Untersuchungen bis hin zum Roman, wie auch viele (Hollywood )Filme haben seither die Balinesen als ein Volk von friedliebenden Künstlern dargestellt von fanatischer Grausamkeit und aufbrausendem Temperament war plötzlich keine Rede mehr. Vickers gut nachvollziehbare Beschreibung dieser Entwicklung, illustriert mit historischen Zeichnungen sowie alten und neuen Schwarzweißphotos, ermöglicht dem Leser einen Blick hinter die idyllische Oberfläche des Urlaubsziels.

Entscheidenden Anteil an dem Klischee vom Paradies hatte der Deutsche Walter Spies, der in den dreißiger Jahren dort eine kleine Künstlerkolonie gründete und mit seinen Freunden die balinesische Kultur auch direkt beeinflußte. Sie gründeten Malschulen für Einheimische und förderten die traditionelle Kunst, wie sie europäischem Geschmack entsprach. Selbst der Kecak, der heute Touristen gern als Inbegriff balinesischen Tanzes vorgeführt wird, entstand in seiner jetzigen Form erst bei Dreharbeiten zu einem von Spies Filmen. Die politischen Spannungen nach dem Zweiten Weltkrieg und der blutige Bürgerkrieg, der 1965 in der Ermordung von 100 000 Balinesen gipfelte, änderten nichts am Image der Insel. Auch der erste indonesische Präsident, Sukarno, knüpfte bruchlos an Spies Darstellung an und vermarktete Bali als Ziel für Bildungsreisende. Die Balinesen selbst haben seit nunmehr achtzig Jahren immer wieder gehört, daß ihre Kultur einzigartig sei, und sind inzwischen entsprechend stolz darauf. So ist nicht nur die Zahl der Kunsthandwerker, Tänzer und Musiker, sondern auch die der religiösen Rituale seither enorm angestiegen. Gleichzeitig hat der Fremdenverkehr die Entstehung einer Mittelschicht bewirkt und Arbeitsplätze auch für diejenigen geschaffen, die als Landarbeiter ein Leben in Armut und feudaler Unterdrückung führten oder als Fischer in der modernen Welt nicht mehr überleben könnten. So hat der Tourismus, anders als an vielen anderen Orten der Welt, nicht die Zerstörung eines friedvollen Paradieses (das Bali gar nicht war) zur Folge gehabt. Sondern er hat bewirkt, daß sich die Wirklichkeit auf der Insel dem Image vom angeblichen Garten Eden sogar ein klein wenig angenähert hat - ein Resümee, das Vickers in seinem Buch ebenso kenntnisreich wie spannend entwikkelt und belegt. Ulrike Meyer Timpe