Er ist klug, zurückhaltend und integer, er denkt politisch und doch in moralischen Kategorien. Das Photo mit ihm schmückt ungemein. Er hat nur Pech: Er heißt Tenzin Gyatso und ist der vierzehnte Dalai-Lama. Weil er das Oberhaupt der Tibeter im Exil ist, machen die Politiker um ihn gern einen Bogen. Ähnlich wie in Frankfurt, wohin er allerdings erst gar nicht anreiste, achteten nun Bonns führende Politiker bei seiner Stippvisite streng darauf, dem Besucher aus dem Weg zu gehen, der den kulturellen Völkermord beklagt, den die Chinesen an seinen Landsleuten begehen.

Die Bonner Toleranz gegenüber Peking, so sagt der Gast, werde für die verfolgten Tibeter gefährlich. Mehr als andere wüßten die Deutschen über die politische Situation in Tibet Bescheid, aber mehr als andere pflegten sie auch freundschaftliche Beziehungen zu Peking. Freunde könnten gegenüber Freunden doch Kritik üben, fügte er hinzu, das zeichne Freundschaft aus. Aber das geschieht nicht. Ja, Helmut Kohl und Klaus Kinkel haben – schändlich, schändlich – jeden Kontakt mit dem Dalai-Lama vermieden, Rudolf Scharping übrigens auch. Rita Süssmuth hingegen traf sich mit ihm. Von ihr ist das honorig, aber man hat es auch nicht anders erwartet. Von den anderen übrigens auch nicht.

Fachdebatten, die nur eine begrenzte Fachöffentlichkeit interessieren, sollten während der letzten Runde in den Parlamentsausschüssen öffentlich geführt werden, schlagen Rita Süssmuth und die SPD vor. Damit werde deutlich, daß dort – und nicht im oft leeren Plenum – wirklich beraten und entschieden werde. Allerdings müsse das Plenum weiterhin zentrale Fragen der Nation kontrovers debattieren.

Für den Gedanken spricht eine ganze Menge, auch wenn damit ein Parlament erster und zweiter Klasse zu entstehen scheint. Sicher wären auch öffentliche Ausschußsitzungen nichts anderes als "Fensterreden". Aber auch diese Fensterreden sind oft gar nicht so schlecht.

Dann allerdings bleibt die Frage, was im großen Plenum zur Debatte gestellt wird und wer das nach welchen Kriterien entscheidet. Denn die wirklich "nationalen" Debatten stecken nicht immer in Gesetzesentwürfen, und sie kommen bisher keineswegs immer bis ins Parlament. Wie macht man das Wichtige, aber Unausgesprochene, das Diskussionswerte, aber Undebattierte, zum parlamentarischen Thema? Gunter Hofmann