Von Fritz Vorholz

Das Problem ist alt: In der Nordsee sind zu viele Chemikalien, die im Wasser nichts zu suchen haben. Das Küstenmeer ist überdüngt, was zu Sauerstoffarmut führen und auch solche Algen wuchern lassen kann, die im Verdacht stehen, selbst den Menschen zu schädigen – direkt, über Hautkontakt, aber auch indirekt, über den Konsum von vergifteten Muscheln. Darüber gibt es Expertisen zuhauf, und es gibt sogar ein Versprechen der Politiker, der Malaise ein Ende zu bereiten: Bei der dritten Internationalen Nordseeschutz-Konferenz im März 1990 faßten die Nordsee-Anrainerstaaten den Beschluß, die schädlichen Nährstoffeinträge bis 1995 gegenüber 1985 um die Hälfte zu vermindern.

Nun hat eine oberste Bundesbehörde, das Umweltbundesamt (UBA) untersucht, was in Deutschland aus dem hehren Vorsatz geworden ist. Das Ergebnis ist zu einer harschen Kritik der Agrarpolitik geraten. Um nämlich die Nordsee wirksam vor Überdüngung zu schützen, so das Expertendeutsch, sei "langfristig eine flächendeckende Umsetzung der Extensivierung der landwirtschaftlichen Produktion – vor allem des Ökologischen Landbaus – sowie die Aufhebung der flächenunabhängigen Tierproduktion zu fordern". Im Klartext: Massentierhaltung und Futtermittelimporte gehören abgeschafft, die Verwendung von Dünger muß drastisch reduziert und das landwirtschaftliche Subventionssystem an den Zielen des Umweltschutzes ausgerichtet werden – die jüngste Attacke auf Europas teuersten Wahnsinn: die gemeinsame Agrarpolitik. Es mußte so kommen. Denn die Statistik offenbart, daß die Verminderung der Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft weit hinter dem zurückbleibt, was Industrie und Kommunen an Entlastung vorzuweisen haben. Bei Phosphor sinken die Emissionen aus kommunalen Kläranlagen (minus 74 Prozent) und aus der Industrie (minus 29 Prozent) sogar so stark, daß die unzureichenden Minderungsanstrengungen der Landwirte (minus 21 Prozent) das Gesamtziel einer fünfzigprozentigen Reduktion nicht gefährden können. Bei Stickstoff aber schlägt das Versagen der Landwirtschaft voll zu Buche: Vor allem weil von den Äckern auch 1995 noch 270 000 Tonnen Stickstoff in die Gewässer geweht und gespült werden – nur 17 Prozent weniger als 1985 wird das von den Umweltpolitikern angepeilte Ziel "weit verfehlt".

Den Grund dafür suchen die UBA-Experten bei den Versäumnissen der Agrarpolitiker. Für mehr als neunzig Prozent der europäischen Agrarproduktion schafften sie den Markt ab und erfanden sogenannte Marktordnungssysteme. Die Bauern trieben sie auf diese Weise zu regelrechten Erzeugungsschlachten an. Hochertragssorten und die Verfügbarkeit billiger Dünge- und Pflanzenschutzmittel ermöglichten eine ungeahnte Steigerung der Produktion: zu Lasten der Verbraucher und der Steuerzahler, aber auch zu Lasten der Umwelt, die wegen der immer intensiveren landwirtschaftlichen Produktionsmethoden massiv geschädigt wurde – ein Skandal seit Jahrzehnten.

Auch die 1992 in Brüssel beschlossene Agrarreform – Senkung der Garantiepreise und Ausgleichszahlungen an jene Bauern, die vorübergehend Flächen stillegen – ändert kaum etwas an dem Desaster, das der Frankfurter Agrarwissenschaftler Hermann Priebe "subventionierte Unvernunft" nennt. Die dadurch ausgelöste Tendenz zu weniger Chemie auf den Feldern reiche jedenfalls bei weitem nicht aus, "um die Gewässerbelastung aufgrund überhöhter Düngemittelgaben auf ein ökologisch vertretbares Niveau zu senken", heißt es im UBA-Bericht.

Eine Ursache: zu niedrige Düngerpreise. Ein Kilogramm Stickstoffdünger kostet gegenwärtig rund 1,15 Mark – so wenig, daß die Landwirte zum verschwenderischen Umgang mit dem Pflanzennährstoff neigen. In der Tat düngen die Bauern schon seit einiger Zeit so intensiv, daß Weizen und Mais das Nährstoffangebot gar nicht mehr aufnehmen können. Mit rund 134 Kilogramm je Hektar erreichte der Mineralstickstoffeinsatz 1987 seinen Höhepunkt. Seitdem sind die Getreideerträge um 23 Prozent gestiegen, obwohl der Stickstoffeinsatz auf 113 Kilogramm fiel – immer noch eine viel zu große Menge. Deshalb fordert das Umweltbundesamt nun, die Düngerverwendung mit finanziellen Anreizen zu begrenzen: durch eine Düngerabgabe, die bereits in Österreich und Schweden erprobt ist. Bei einem Abgabesatz von zwei Mark pro Kilogramm rechnen die Berliner Forscher mit einem Rückgang des Düngereinsatzes von mindestens einem Drittel – zum Nutzen für die Gewässer, aber ohne Schaden für die Bauern. An die sollte nämlich, so der Vorschlag, das Abgabeaufkommen zurückverteilt werden.

Der Vorschlag ist nicht ganz neu. Schon 1985 forderte der Sachverständigenrat für Umweltfragen eine Stickstoffabgabe. Heute, fast zehn Jahre danach, ist davon immer noch nichts ins Sicht. Die Landwirtschaftslobby in Bonn und Brüssel hat bisher alle Reformbestrebungen erfolgreich abwehren können.