Keine Übertreibung, kein Wort gelogen, das hat es tatsächlich noch niemals und nirgendwo gegeben: daß sich eine Stadt über ein Vierteljahr lang in öffentlicher Schau und Rede mit ihrer Architektur beschäftigt. Mehr: daß sie die Neugier ihrer Bürger und ihrer hoffentlich vielen Gäste über drei Monate lang auf die Haus- und Stadtbaukunst überhaupt richtet. Der Katalog, der soeben herausgekommen ist, nennt fast achtzig Ausstellungen, Vorträge und Symposien der anspruchsvollsten Art, Kolloquien, Filmvorführungen und Lesungen und Streitgespräche, Rundfunk- und Fernsehsendungen (im NDR), nicht zu vergessen hundert Spaziergänge, die als eine Art von Wahrnehmungsschule die Stadt und ihre Bauten, Plätze, Parks, Ufer zum Thema haben – und es ist, welch ein Wunder, nicht einmal vergessen worden, die Wißbegier der Kinder zu reizen.

Der Anlaß war nicht so beschaffen, daß er alle Welt bei bloßer Nennung aus dem Häuschen gebracht hätte, ein eher beiläufiges, aber nun ein sehr praktisches Datum, der 125. Geburtstag des Hamburger Architekten und Stadtplaners Fritz Schumacher, den mit Schinkel zu vergleichen manchmal verlockend ist, wenngleich es ihm an Popularität gebricht. Ihm und seiner Zeit ist, wie man erwarten möchte, eine exzeptionelle, die erste wirklich große, seinem imponierend vielseitigen Schaffen gerecht werdende Ausstellung gewidmet, Eröffnung am 20. Mai.

Da die Architektur im Bildungsfundus eines normalen Menschen nicht vorzukommen pflegt, da er oft nicht einmal die elementarste Unterweisung in den ästhetischen Regeln der Gestaltung und des (guten) Geschmacks erfahren hat, da die Baukultur gewöhnlich immer erst dann beschworen wird, wenn der Mangel daran als lästig empfunden wird, macht einen an dieser Hamburger Unternehmung vieles staunen.

Man wundert sich über die Bereitschaft von über hundert Sponsoren, all das zu unterstützen. Man staunt über die Bereitschaft nicht nur von Museen und Galerien, deren Geschäft es ohnehin ist, die Aufmerksamkeit auf derlei Themen zu lenken, sondern von vielen anderen, darunter die Bundesbahn, die sich im Hauptbahnhof der Kunst im öffentlichen Raum hingibt, darunter kulturelle Institutionen ganz anderer Art, Buchhandlungen ebenso wie Hochschulen. Die Universität veranstaltet (vom 25. bis 28. Mai) ein viertägiges Symposion über "Architektur als politische Kultur", das von Kaiser Konstantin bis Kaiser Mitterrand reicht und eines zu werden verspricht, das der Gattung Ehre macht. Der Deutsche Architektentag im Juni will dem, aufs aktuelle "Risiko Stadt" bezogen, keineswegs nachstehen.

Es werden Pläne, Zeichnungen, Bilder und Stiche, Modelle, Möbel und Visionen vieler Architekten zu sehen sein, auch Photographien, auch Bücher. Man begegnet Namen wie Aalto, Foster, Gehry und Piranesi, Holl, Ungers, Arne Jacobsen und Karl Schneidet, von Gerkan und Marg und etlichen anderen. Man wird mit der "Stadt der Frauen" und dem "Büro der Zukunft" bekannt gemacht, mit der (sehr zur Unrecht verrufenen) Charta von Athen (im NDR) und einem "24-Stunden-Park" – und hat, nicht zuletzt, die vom Bauboom getriebene Hansestadt zu Füßen und vor Augen, mitsamt den vielen Schildern "Büroräume zu vermieten" und keinem mit der Verheißung "Wohnräume frei".

Die Hoffnung dieser außergewöhnlichen Bemühung ist natürlich, daß sie den Blick für Architektur schärfe, wenn nicht überhaupt erst öffne, und daß sie ein Bedürfnis nach Baukultur wecke. Viel einfacher: das kritische Interesse an der geplanten, der gebauten Umwelt, bei allen, vor allem bei Bauherren in jeglicher Gestalt. Die Hoffnung ist aber auch, daß das Thema nicht im Herbst schon wieder verweht ist und die Schulen (und die Zeitungen) zu bemerken unterlassen haben, daß die Zukunft des Menschen (auch) die Zukunft der Stadt bedeutet, also jedermanns Lebensraum, und daß ein flüchtig absolvierter Streifzug durch die Baustilgeschichte nicht genügt, um in jungen Menschen ein Gefühl für Architektur zu wecken – Architektur als etwas, das oft lange braucht, um zu entstehen, das viel Geld kostet, das den Regeln der Baukunst zu gehorchen hat und das Dasein derjenigen entscheidend mit bestimmt, die damit Umgang haben. Das sind wir alle. Vielleicht wird sogar das Unmögliche vollbracht: den Hamburger Bausenator für Architektur zu interessieren. Er tritt nirgendwo im Programm in Erscheinung. Wie heißt er eigentlich? (Katalog 10 Mark plus Porto bei Ayer PR, An der Alster 42, 20099 Hamburg) Manfred Sack