Herbert Wehner war es, der vor einer früheren Bundespräsidentenwahl einmal spottete, die Deutschen wünschten sich am liebsten einen Bischof Dr. von Hindenburg. An diesen ebenso umfassenden wie widerspruchsvollen Erwartungen hat sich offenbar nichts geändert – folgt man unserer jüngsten Umfrage zur Wahlzeit.

Danach sollte sich der Bundespräsident mehr in die aktive Politik einmischen (64 Prozent), dabei prinzipiell die Interessen aller zur Richtschnur seines Handelns machen (71 Prozent), sich in erster Linie in Streitfragen um Verständigung bemühen (68 Prozent) und sich vor allem um Zukunftsfragen kümmern (69 Prozent). In Ostdeutschland fallen die Prozentsätze jeweils höher aus als im Westen: Gar 78 Prozent der Ostdeutschen hoffen auf ein deutlicheres Mitmischen in der aktiven Politik.

Die idealisierten Ansprüche an das Staatsoberhaupt lassen sich interpretieren als handfeste Erwartung an die politische Integration, die vom parlamentarischen Streit- und Entscheidungsmechanismus immer weniger geleistet wird. Außerdem ist dieses hochgestimmte Anspruchsgefüge auch ein Reflex auf eine gewisse "Politikverdrossenheit". Und es ist natürlich auch ein Echo auf die äußerst anspruchsvolle und äußersten Ansprüchen genügende Amtsführung Richard von Weizsäckers. Kein Wunder also, daß die Mehrheit der Wähler für eine Direktwahl des Bundespräsidenten eintritt: 80 Prozent aller Deutschen wollen die Person, in die sie ihre höchsten Erwartungen setzen, selber wählen.

Wiederum sind die Ostdeutschen integrationsbegieriger: 91 Prozent fordern die Direktwahl gegenüber 77 Prozent im Westen. Die verfassungspolitische Frage, ob ein solcher Wahlmodus mit der grundgesetzlichen Architektur des Amtes übereinstimmen würde, kommt in Umfragen naturgemäß nicht zum Vorschein.

Für die bevorstehende Wahl eines Nachfolgers für Richard von Weizsäcker ergibt sich aus alledem eine Spannung zwischen den Erwartungen der Bürger und dem Machtspiel der Parteien. Die Deutschen möchten im Grunde selber wählen – und wenn sie dies tun könnten, würden sie mehrheitlich für Johannes Rau stimmen. Wenn es um vier Kandidaten geht, liegt Rau mit 36 Prozent vorne – es folgen Roman Herzog mit 22, Hildegard Hamm-Brücher mit 14 und Jens Reich mit 5 Prozent. Verengt sich aber die Wahl auf zwei Kandidaten – Rau oder Herzog –, so gewinnt Rau 18 Prozentpunkte hinzu und kommt auf 54 Prozent, Herzog dagegen macht nur 8 Prozentpunkte wett und schafft es auf 30 Prozent; im Osten käme Rau auf 69 Prozent.

Gewiß, das Grundgesetz hat das Amt des Bundespräsidenten bewußt nicht plebiszitär unterfüttert. Aber falls aus den nur zu durchsichtigen partei- und koalitionspolitischen Erwägungen Roman Herzog zum Zuge käme, ergäbe sich diesmal eine deutliche Spannung zwischen der Stimmung in der Bevölkerung – was die Person und den politischen Prozeß betrifft – und der institutionellen Mechanik.

Bemerkenswert allerdings sind einige weitere Beobachtungen. Erstens: Die Wähler wenden sich – jedenfalls bei der Präsidentenwahl – erkennbar von den Vorgaben der Koalitions- und Parteimaschinerie ab; aber indem sie dies tun, sprechen sie sich mehrheitlich für einen Politiker aus, der sehr lange im Establishment gewirkt hat; das Angebot einer parteifreien Kandidatur hat nicht verfangen.