Von Arnulf Baring

Eine Warnung am Anfang: "Wir stehen heute am Beginn einer neuen, schweren Zeit, wie wir sie vermutlich seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland nicht erlebt haben: im Inneren zerrissen, am Vorabend schwerer Wirtschaftskrisen, ohne klare politische Führung, ohne überzeugende parlamentarische Opposition – konfrontiert mit Kriegen und Krisen in Europa und in der Welt und ohne überzeugendes außenpolitisches Konzept –, das ist das Bild, das Deutschland heute bietet. Schwindende politische Orientierung, wachsende innenpolitische Krisen und dramatisch ansteigende außenpolitische Desorientierung prägen die heutige Situation. Sie ist deshalb so dramatisch, weil Deutschland mit weiteren außenpolitischen Kriegen und Krisen konfrontiert werden könnte, bevor es den Vereinigungsprozeß innenpolitisch verkraftet hat und außenpolitisch angemessen gereift ist."

Diese Passage aus dem Vorwort Christian Hackes zur aktualisierten Taschenbuchausgabe gibt den Grundton wieder, mit dem er seine erstmals 1988 erschienene, umfassende Darstellung der westdeutschen Außenpolitik von den Zeiten Jakob Kaisers, Kurt Schumachers und Konrad Adenauers bis in die Ära Kohl/Genscher unter dem Eindruck der Wiedervereinigung um zweihundert Seiten erweitert, fortgeschrieben hat. Sein temperamentvolles, belesenes Werk hat von Anfang an viel Zustimmung gefunden, freilich auch Widerspruch ausgelöst: Der Titel suggerierte eine Ambition, die weder unser Land noch Hacke besaß oder besitzt; außerdem fragte man sich als Leser, ob es eine "Weltmacht wider Willen" überhaupt geben könne. Denn Weltmacht ist ein Land nur, das entsprechende Potential vorausgesetzt, wenn und solange es das will. Mit der wirtschaftlichen Leistungskraft allein ist es nicht getan – ganz abgesehen davon, daß unsere deutschen Potentiale allenfalls zu einer Regionalmacht reichen.

Christian Hacke sieht durchaus diese in der Sache liegenden Benennungsschwierigkeiten unserer Position und Rolle. In einem seiner neu angefügten Kapitel schreibt er deshalb: "Bei einem protokollarischen’ Rollenverständnis wird deutlich, daß Deutschland eine europäische Großmacht mit Weltgeltung’ geworden ist. Sie war dies schon vor 1989, nur wollte es kaum jemand wahrhaben. Wirtschaftlich gesehen ist sie eine ‚Welthandelsgroßmacht’, im Kalten Krieg wurde sie von 1970 bis 1989 zur europäischen Entspannungsvormacht’."

Ich kann mir nicht helfen: Vormacht, Großmacht, Weltgeltung, Welthandelsgroßmacht – mir sind diese Begriffe, für unsere Verhältnisse, alle viel zu hoch gegriffen, um einige Grade zu pompös formuliert; sie lassen meines Erachtens das vielfältig Fragile unserer Lage außer acht, auch das regional Begrenzte unserer Möglichkeiten. Aber ich stimme Hacke gern zu, wenn er fortfährt: "Zugegebenermaßen vermischt sich bei der Umschreibung der außenpolitischen Rollen nicht selten Analyse und politische Wunschvorstellung. Was sagt es schon aus, ob Deutschland eine Friedensmacht, ein Balancer, eine zivile Macht, eine Großmacht oder eine Weltmacht darstellt? Zu allen Zeiten galt: Ein Land hat dann Macht, wenn es nicht selbst davon spricht, aber den entsprechenden politischen Willen zeigt..."

An irgendeinem gemeinsamen außenpolitischen Gestaltungswillen der Deutschen fehlt es, da sind wir uns einig. Wir wiederholen nach wie vor lediglich die Formeln, die vor 1990 galten, der damaligen Situation angemessen waren, scheuen vor der nüchternen Erörterung zurück, wo die neue Lage Umbauten, Ergänzungen der Westvertragswerke erzwingt und wo nicht. Wenn sich unsere Außen- und Sicherheitspolitik heute auf Neuland wagt, tut sie es unüberlegt und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen. Sind wir wirklich auf einen Sitz im UN-Sicherheitsrat vorbereitet? In keiner Weise. Ich bleibe überzeugt, daß wir unsere Landsleute nur erschrecken würden, wenn wir ihnen eine wie immer geartete Weltmachtrolle – und sei es eine Weltfriedensmission – zumuten. Wir werden alle Hände voll zu tun haben, wenn wir uns entschließen, zur Stabilität, zur Sicherheit unserer unmittelbaren östlichen Nachbarn tatkräftig beizutragen – und auch hier muß man gleich anmerken: daß dies natürlich nur in Abstimmung, im Zusammenwirken mit unseren Alliierten geschehen darf.

Hoffentlich lesen viele Landsleute dieses engagierte Buch, zumal da, wo Hacke uns allen ins Gewissen redet. Eine außenpolitisch weitgehend desinteressierte Bevölkerung, eine verschwindend kleine außenpolitische Elite und rapide anwachsende außenpolitische Probleme könnten zu Konstellationen führen, schreibt er, die Deutschland innerhalb Europas und in der Welt gefährlich würden, ohne daß wir einen erfahrenen Kapitän oder ersten Offizier auf der Brücke hätten.