Kann denn überhaupt für einen einzigen Südafrikaner, der an diesen Tag zurückdenken wird, irgendein Ereignis, und sei es auch das privateste, die strahlende Bedeutung des Tages übertreffen, an dem wir gewählt haben? Auch für die Weißen, die alle seit dem achtzehnten Lebensjahr das Wahlrecht besaßen, war es das erste Mal. Für mich war das der überwältigende Eindruck dieses Tages: Die anderen Wahlen mit ihrer grotesken Inszenierung eines demokratischen Ablaufs ausschließlich für die Weißen (und später für alle, nur nicht für die schwarze Mehrheit) hatten für uns als Südafrikaner nicht die geringste Bedeutung, sie bestätigten nur die Vorherrschaft einer Hautfarbe.

Als ich heute morgen in der Schlange stand, erlebte ich das Gefühl einer stillen Verbundenheit. Geschäftsleute im Jogginganzug; Schwestern in Uniform (zwei ganz in meiner Nähe trugen noch immer die Plastikhaube, die das Haar in der klösterlichen Keimfreiheit des Operationssaals verbarg); Frauen in der Tracht der Zionistischen Kirche, weiße und schwarze Frauen, die gemeinsam weiße und schwarze Kinder aufzogen, die ihnen an den Beinen herumkletterten; Leute, die Klappstühle mitgebracht hatten, um ihre müden alten Knochen zu entlasten; Nachtwächter, die gerade von der Schicht kamen; Studentinnen, die ihre langen Haare schlenzten wie Pferde ihren Schweif – wir erlebten alle einen nie gekannten Zustand.

Zwar hatten wir gemeinsam Ketten vor Banken und Postämtern gebildet, seit die Rassentrennung an öffentlich zugänglichen Orten aufgehoben wurde; doch bis zum heutigen Tag gab es zwischen uns immer einen unsichtbaren Unterschied, der viel tiefer reichte als die jeweilige Hautfarbe: Die einen waren im Besitz jenes Rechts, das allem Recht zugrunde liegt, des Rechts auf das symbolische Kreuz, das Zeichen für die Möglichkeit, auf das Gemeinwesen Einfluß zu nehmen, das Zeichen der Staatsbürgerschaft – und die anderen besaßen es nicht. Mit dem heutigen Tag hatten wir jedoch Neuland betreten.

Während wir uns langsam nach vorn zum Wahllokal in der Kirche bewegten, zu der schlichten Handlung des Ankreuzens, die das Ende von mehr als drei Jahrhunderten Sonderrecht für einige wenige und Entzug der Menschenwürde für alle anderen brachte, nahm der abstrakte Begriff "Gleichheit" sichtbare Gestalt an.

Das Kreuz ist die erste Unterschrift des Analphabeten. Davor gab es nur den Daumenabdruck, die Hautprobe der Machtlosen. Ehrfurcht erfüllte mich beinahe, als ich, mit dem Auftrag meines Ortsbüros im Afrikanischen Nationalkongreß (ANC), die Abläufe an der Wahlurne zu beaufsichtigen, Schwarze kennenlernte, die weder lesen noch schreiben konnten. Ein Mitarbeiter der unabhängigen Wahlkommission begleitete sie, und die Wahl erlangte die Feierlichkeit eines Rituals: Eine zerfledderte Kennkarte wird vorgezeigt, die Hände werden im UV-Licht ausgestreckt und mit unsichtbarer Tinte besprüht, und ein exakt gefalteter Wahlzettel – ein Schreiben, das darauf wartet, in die Zukunft verschickt zu werden – wird in diese Hände gelegt. Danach ein paar unsichere Schritte auf eine der Wahlkabinen zu, begleitet von einem Mitarbeiter der Wahlkommission und dem Vertreter jener Partei, für die sich der Wähler oder die Wählerin erklärt hat und der dafür Sorge trägt, daß das Kreuz an der richtigen Stelle gemacht wird. Mehrere Male war ich dieser Parteivertreter und wurde Zeuge, wie ein Mann oder eine Frau mit diesem Akt die Staatsbürgerschaft erwarb. Ein seltsamer Augenblick, ähnlich dem, als der Mensch zum ersten Mal ein Zeichen seiner Identität auf einen Stein kratzte, der bewußte Beweis seiner Existenz.

Natürlich gab es nicht weit entfernt nach wie vor verzweifelte schwarze Kinder, die als einzigen Ersatz für Nahrung und Zuwendung Klebstoff schnüffelten, gab es in den Ritzen der Stadt obdachlose Familien in Notunterkünften. Die Gesetzgebung hat die Plattform für Gleichheit niedrig angesetzt; sie hat bisher nicht dafür gesorgt, daß die Hungernden genährt würden oder die Obdachlosen ein Dach über dem Kopf erhielten, aber sie hat die Grundlage verändert, auf der die südafrikanische Gesellschaft so lange errichtet war. Die Armen gibt es weiter, gleich hier um die Ecke. Aber sie sind nicht geächtet. Niemand kann mehr verfügen, daß sie mit Gewalt vertrieben, daß sie um ihr Land und um die Gelegenheit betrogen werden, ihr Leben zu ändern. Sie fallen ins Gewicht. Darauf kommt es an, wenn die Stimmen ausgezählt werden, ganz gleich, wer die Mehrheit erringt; es geht um mehr als die Addition dessen, was in den Wahlurnen steckt.

Wenn dieser Tag vielleicht nicht William Wordsworths "reiner Himmel" war für jene, die in den Jahrzehnten der Apartheid und der anderen Formen von Rassimus, die der Apartheid vorangingen, ins Elend gestoßen worden waren, wenn sie vielleicht auch nicht meine Begeisterung teilen konnten, die ich dort in der Warteschlange fühlte, war es doch ein außerordentliches Gefühl, das mitzuerleben. Die Helden dieses Tages waren für mich jene Männer und Frauen, die weder lesen noch schreiben konnten, diesen Tag aber zu guter Letzt mit ihrer Form der Unterschrift bestätigten. Möge sie das Ende des Analphabetismus besiegeln, des Leidens der aufgezwungenen Unwissenheit, der geraubten Fülle des Lebens.

Aus dem Englischen von Willi Winkler © Nadine Gordimer, 1994