Das Museum der bildenden Künste in Leipzig, seit 1952 im Gründerzeitbau des einstigen Reichsgerichts untergebracht, ist mit der Pflege des Hauses beschäftigt: Ein neuer Anstrich, eine neue Hängung und, seit die Eingangshalle von lästig häßlichen Einbauten befreit ist, auch ein großartiges Entree. Man tut, was man kann; Doch bald werden hier, zunächst im Keller, andere Sanierer tätig sein. Der Beginn der grundlegenden Erneuerung des Gebäudes steht unmittelbar bevor. Das Bundesjustizministerium hat dafür rund 250 Millionen Mark veranschlagt und will die Immobilie für das Bundesverwaltungsgericht nutzbar machen. Da kann das Leipziger "Bildermuseum" nur noch einpacken. Absurder kann eine Situation nicht sein.

Der Stadt Leipzig ist der Zugewinn einer Bundesbehörde nur recht, und die Preisgestaltung der ohnehin begehrten privaten Grundstücke und Häuser in der Nachbarschaft ist längst darauf zugeschnitten. Daß der von der Justiz angemeldete Eigenbedarf nicht die Liquidierung eines ganzen Museums zur Folge haben kann, muß den Verantwortlichen bei der Stadt und beim Bund eigentlich einleuchten. Aber konkrete Schritte dagegen hat bislang niemand wirklich unternommen.

Das Museum braucht einen neuen Ort und dies nicht erst irgendwann im 21. Jahrhundert. Auch der Bundestag hat dies zur Kenntnis genommen, ebenso wie das Bonner Justizministerium und die Regierung des Freistaates Sachsen. Aussagen von bindendem Charakter allerdings haben sich daraus nicht ergeben, und wer damit den Anfang zu machen hätte, weiß bis heute offenbar niemand. Schließlich gibt es im bundesdeutschen Museumswesen keinen Präzedenzfall für die Obdachlosigkeit von Kunstwerken.

Kurt Biedenkopf, ganz Landesvater, hat es neulich versucht, indem er die Neubaufrage kurzerhand zu einer rein sächsischen Angelegenheit erklärte. Daß er dies ausgerechnet in der Bundeskunsthalle in Bonn tat, wo das Museum mit einer Ausstellung aus dem bedeutenden, aber weithin unbekannten Bestand Bundespolitiker für das Problem zu interessieren suchte, wirkte einigermaßen überraschend. Die Folgen sind nicht abzusehen, weder in Bonn noch in Sachsen.

Freundliche Bekundungen, selbst von Ministerpräsidenten, helfen nicht mehr weiter. Es ist vor allem die Stadt, die das einsehen und Beschlüsse fassen muß, die Land und Bund gleichermaßen als Initialzündung begreifen können. Im vergangenen Jahr war man im Leipziger Rat immerhin so weit gekommen, den zentralen Sachsenplatz und mit ihm den heruntergekommenen Informationspavillon der Messe - als möglichen Standort für einen Museumsbau zu nennen. Ohne Beschluß, versteht sich "Zahlreiche Restitutionsansprüche" stünden gegen die Übernahme des Geländes, kommentiert nun Kulturamtsleiterin Susanne Kucharski Huniat und meint, vor den Kommunalwahlen im Frühsommer und der Konstituierung eines neuen Rats im August werde ohnehin nichts mehr entschieden. Die Behördenchefin ist neu im Amt und erörtert noch gern Fragen von "Hoch- und Basiskultur", überzeugt davon, daß in finanziell schwierigen Zeiten "jede Kultureinrichtung sich hinterfragen lassen" müsse. Derlei Übungen pflegen nicht auf direktem Wege zu Problemlösungen zu führen, und im Fall einer 1837 von Bürgern der Stadt begründeten und reich bestückten Kunstsammlung müßten sich schon ein paar Antworten auf etwaige Fragen finden lassen.

Herwig Guratzsch, seit 1993 Direktor des Museums der bildenden Künste, hat derweilen einen Freundeskreis für sein bedrohtes Haus ins Leben gerufen und neben Vertretern der Leipziger Wirtschaft und westdeutschen Unternehmern auch Förderer mit verpflichtenden Namen dafür gewonnen: Kurt Masur und Ludwig Güttier, aber auch Peter Ludwig und Carl Hahn, nicht zuletzt Arend Oetker, der bislang in Leipzig ein anderes Projekt mit Erfolg - und über den Ratsbeschluß hinaus - vorangetrieben hat: die Einrichtung einer Galerie für zeitgenössische Kunst auf Basis eines privaten Fördervereins, für deren Ausstattung eine Sammlung von Gegenwartskunst seit 1945 als Dauerleihgabe bereitsteht.

Die Galerie soll ihren Standort in der sogenannten Herfurthschen Villa und auf dem angrenzenden Gelände erhalten. Ein Architektenwettbewerb für die Sanierung des Gebäudes sowie für einen Neubau als zweitem Bauabschnitt ist inzwischen ausgeschrieben. Drei der vier für das 80 Millionen Projekt erforderlichen Grundstücke hat die Stadt erworben; das vierte allerdings, das die 1945 enteigneten Besitzer zurückfordern, soll jetzt mit Hilfe eines "Investitionsvorrangverfahrens" erobert werden.