Von Christoph Dieckmann

Wie sie lachen, wie sie strahlen, die Heiligen um den Runden Tisch: Kein Foto aus der Kirchengeschichte der DDR ist so zur Ikone geworden wie dieses vom 6. März 1978: Honecker und die Seinen mit den Kirchenführern Schönherr, Krusche und Stolpe im Staatsrat zu Ost-Berlin. Tags darauf prangte es auf allen Titelblättern und kündete Entspannung zwischen Kirche und Staat. Damals, neunzehn Monate nach der Selbstverbrennung des Pfarrers Brüsewitz, wirkte derlei bruderparteiliche Herzlichkeit befremdlich – zu Unrecht, wie wir endlich erfahren. Honecker in seiner Tücke hatte den provinzsächsischen Bischof nach dem Magdeburger Wetter gefragt. Krusche tat kund, er komme mitnichten von daheim, sondern geradewegs aus der Kur, wo er sich für dies wichtige Gespräch den Rücken habe stärken lassen. Und es ward Heiterkeit. Knips, schon hatte man unser vertrauensvolles Miteinander im Kasten.

Man durfte sich von Albrecht Schönherrs Erinnerungen ein wichtiges Buch versprechen. Auch ein schönes? Theologen-Bücher geraten selten schön; der Heilige Geist ist ein puritanischer Ästhet, wenn er ex officio weht. Das tut er im zweiten, dem "wichtigen" Teil dieser Autobiographie, wo es um den Bischof Schönherr geht, den Schöpfer und Interpreten der "Kirche im Sozialismus", jener wohlerwogenen Konsensformel ("nicht für, nicht neben – im Sozialismus"), die in der vorigen Zeit weit besser verstanden wurde als mit dem posterioren Gratismut der ostpolitischen Verdammungen von heute. Denn man versteht nur, was man will. Oder muß.

Schönherrs Bischofsamt fiel in die Zeit, da Staat und Kirche sich miteinander abzufinden lernten. Die SED hatte in den siebziger Jahren ihre endzeitlichen Hoffnungen auf unbestimmt vertagt. Kirchlicherseits wußte man, daß die freiheitlich-demokratische Weltrevolution sich allen Terminprognosen entzog. Zwar gab es Ostpastoren, die sich als exilierte Bundesbürger in russischer Verbannung verstanden, aber eben auch jenen Typus, dessen willfährige Sozialismus-Theologie die Partei mit dem Adelstitel Fortschrittspfarrer belohnte. Schönherr stand dazwischen. Gescholten wurde er von beiden Seiten. Es hat ihn nicht beirrt. Das lag an seiner Herkunft.

Geboren 1911 im schlesischen Katscher. 1917 Umzug nach Neuruppin, wo sein Vater dem Katasteramt vorstand. Er fiel 1918 in Flandern. Innig und mit Jux beichtet Schönherr des halbverwaisten Einzelkindes Albrecht frühe Taten: Kröte totgetrampelt und somit das Böse im Menschen erfahren. 1919 zur Reichstagswahl kandidiert, nebst Tante Hede auf der "Liste Schönherr". Musikalisches Erwachen: "Ich besorgte mir ein Notenheft, schrieb ‚Symphonie Nr. 1‘ auf eine Seite und komponierte ohne wirkliche Kenntnis des Orchesters und der Partitur ein paar Takte rauschender Harmonien. Dann versiegte mein Genius." Gern liest man von lieber Verwandtschaft, sämtlich Tanten, deren eine, wohnhaft in Berlin, 4. Stock, Albrechtchen zwecks Züchtigung auf den Balkon sperrte, worauf sie von drinnen schrie: "Der Balkon bricht ab!" Das prägt.

Ab 1929 Studium der Theologie in Tübingen. Stern der Fakultät war damals Karl Heim, der sich der größten Not jedes jungen Theologen annahm, indem er den christlichen Glauben ins Benehmen mit der Naturwissenschaft setzte. Mensurfechten bei der Arminia. "Daß unsere Verbindung wie die anderen, die im Deutschen Waffenring zusammengeschlossen waren, Juden ausgrenzte, hat uns damals nicht beschäftigt. Juden hatten ihre eigenen Verbindungen."

Am 30. Januar 1933 sah er den Berliner Fackelzug der SA. Er saß Unter den Linden in einem kleinen Café, als am 27. Februar die Feuerwehren zum brennenden Reichstag rasten. Seinem shining light Dietrich Bonhoeffer ist er zuerst im Berliner Wintersemester 1931/32 begegnet. Bonhoeffer am 1. Februar 1933 im Rundfunk: Im Idol "gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers. Der echte Führer muß jederzeit enttäuschen können ... Er muß sich dem Reize, der Abgott, das heißt die letzte Autorität des Geführten zu werden, radikal versagen."