Zu dieser Studie über das 1915 im deutschbesetzten Litauen und Kurland etablierte "Land des Oberbefehlshabers Ost" ("Ober Ost") könnte der Hinweis genügen: Bereicherung der Osteuropa Forschung im allgemeinen und ein aus bisher unzugänglichen russischen und litauischen Archivalien sorgfältig gearbeiteter Beitrag zu einem wenig bekannten Thema deutscher Ostpolitik während des Ersten Weltkrieges im besonderen. So weit, so gut, wäre da nicht ein Aspekt, der dieser Studie breitere Aufmerksamkeit sichern könnte: Der "Fall Ober Ost" kann nämlich als Exempel deutscher Besatzungspolitik und zugleich als Beweis für die Kontinuität deutscher militärischer Okkupationspraxis dienen. Was die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg überall im besetzten Europa an Mißachtung des Kriegsvölkerrechts und der Menschenrechte vorexerzierte, war in mancher Hinsicht nur Nachvollzug dessen, was das kaiserliche Heer im Bereich der "Deutschen Militärverwaltung Ober Ost" schon 191517 praktizierte.

Binnen weniger Monate herrschten hier derart preußische Zucht und Ordnung, daß ein neutraler Beobachter das Hauptziel der Besatzer in der Zerstörung des normalen Lebens der Bevölkerung mit allen Mitteln sah. Alles und jedes wurde mit deutscher Gründlichkeit reglementiert: eine Militärbürokratie, die jedes Augenmaß verloren hatte, produzierte täglich Verordnungen in solcher Fülle, daß es selbst den deutschen Beamten schwerfiel, sich alle zu vergegenwärtigen. Verboten wurden unter anderem die Sonn- und Feiertagsruhe, der Verkauf und Verzehr von Heisch, das Backen von Kuchen, das Brauen von Hausbier, das Füttern von Pferden mit Hafer, das Jagen.

Mit solchen Verboten machte sich die Besatzungsmacht alsbald lächerlich: das Schlimmste, was deutschem Militär zustoßen kann. Sie reagierte deshalb auf Nichtbeachtung und Nichtbefolgung mit drakonischen Strafen. Dieses Verhalten entsprang einer im kaiserlichen Deutschland verbreiteten, hier durch Siegestrunkenheit gesteigerten Herrenvolkattitüde: Einheimische mußten durch Abnehmen der Kopfbedeckung eine untertänige Grußpflicht gegenüber deutschem Militär bezeugen. Weitere Ausflüsse deutscher Besatzungswillkür wie Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Kontributionen und Lasten, an Ausplünderung grenzende Requisitionen, Verbot politischer Tätigkeit und örtlicher Zeitungen machten die Militärverwaltung zunehmend unbeliebter und verhaßter.

Allmählich entstand passiver und aktiver Widerstand, bildeten sich erste, von den Deutschen kurzerhand als "Räuberbanden" bezeichnete Partisanengruppen. Wie in Belgien 1914 antworteten die Besatzer mit brutaler Gewalt: Deutsche Soldaten sprengten Kirchen mitsamt den darin Zuflucht suchenden Gläubigen, brachten hier 170, dort 70 Personen, grundlos als Spione verdächtigt, um, brannten Dörfer nieder, ließen in Kurland einen zehn Kilometer tiefen Küstenstreifen räumen; die vertriebenen Menschen flohen in die Wälder unter den Schutz von Partisanen.

Die eingesessene Bevölkerung mit deutscher Kulturüberheblichkeit verachtend, beabsichtigte die Militärverwaltung neue Länder zu gründen, diese für politische, militärische, wirtschaftliche Interessen des "Herrenvolkes" offenzuhalten und als Herzogtum Kurland und Großfürstentum Litauen der preußischen Krone zuzuschlagen. Die Zeiten ändern sich, nicht die Methoden: Hitlers Wehrmacht, stets auf Tradition bedacht, pflegte auch die Kontinuitäten militärischer Besatzungspolitik und Okkupationspraxis des kaiserlichen Heeres. Friedrich Andrae Der Fall Ober Ost 1915 1917; Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1993; 289 S, 128- DM