Der deutsche Professor, der Jurist zumal, lebt in einem scheußlichen Dilemma: Zum Publizieren verpflichtet – zum Schreiben nicht geboren.

Also flüchtet er gern aus der Not in die Tugend. In einen hermetisch verschlossenen Fachjargon, der ihn als Mitglied seiner Kaste ausweist und somit als Fachmann. Das heißt aber auch: Wer diese Übereinkunft bricht, sich dem Laien in verständlicher Sprache nähert, verliert leicht den akademischen Respekt seiner Klasse. Zumindest muß er das fürchten.

Uwe Wesel fürchtet sich nicht. Der Berliner Rechtswissenschaftler schreibt und schreibt und schreibt, daß es eine Lust ist für den Leser und, deutlich zu spüren, auch für den Autor selbst.

Diesmal hat er sich den Honecker-Prozeß vorgenommen und, allgemeiner noch, die Versuche der westdeutschen Strafjustiz, DDR-Unrecht zu ahnden.

Wesels Urteil in zwei Sätzen: "Im Einigungsvertrag war dem Rechtsstaat eine Aufgabe übertragen, für die er im Prinzip ungeeignet ist. Die Justiz mußte handeln, ob sie wollte oder nicht." Und: "Nachdem sie nun einmal handeln mußte, hat sie meistens gute Arbeit geleistet."

Für die Aufgabe nicht geeignet und dennoch gute Arbeit geleistet? Das ist ein veritabler Widerspruch, der sich auch schärfer fassen ließe, etwa so: Nur weil der Sänger keine Stimme hatte, ließ sich das Gekrächz ertragen.

Aber Sarkasmus ist Wesels Sache nicht, nicht in diesem Buch. Vielmehr läßt er sich führen von pragmatischer Liberalität. Das heißt: Er legt auch verdeckte Probleme frei und bewertet die Lösungsversuche an Hand der Gegebenheiten und nicht mit der Meßlatte, auf der die Ideallösungen eingraviert sind.