Wer heute über Liebe redet, muß auch von Gewalt sprechen, mahnt Rowohlts "LiteraturMagazin" (Nr. 32, herausgegeben von Maria Gazzetti; Reinbek; 188 S., 18,– DM) und fragt nach der "animalischen Seite des Begehrens". Vorbei die Ära tiefgestapelter Beziehungskisten, Liebe als "sozialdemokratische Einrichtung" (Botho Strauß) ist passé. Mit dem diskursiven Management der erotischen Praxis ist, glaubt man den Autoren des Magazins, ein für allemal Schluß. Auch die französisch inspirierte Ordnung der sexuellen Dinge sei nicht mehr à la mode. Doch darüber muß man reden. Schließlich ist der Mensch, wie schon Musil bemerkt, das einzige Tier, das auch zur Fortpflanzung der Gespräche bedarf.

Das Heft über den "Liebesangriff" – seit Ariost "Il dolce assalto" – erzählt von "Nymphen, Satyrn und Wäldern" und ihren Erben in den modernen Städten. Es geht um Liebe als einen literarischen und philosophischen Topos, zu dem Angst und Lust, Fluchtimpuls und Überwältigung gehören. Die mythischen Protagonisten der gewaltsamen Liebe, Satyr und Nymphe, verkörpern, heißt es, das "selten glückliche Zusammentreffen von weiblicher Maßlosigkeit und männlicher Attacke", das noch keine ungleiche Verteilung der Waffen kennt. Satyr und Nymphe seien das hohe Paar der präzivilisatorischen Emanzipation.

In der langen Geschichte der erotischen Kriegsführung avancierte der dolce assalto bald zu einer Metapher für das männliche Begehren. Der sexuelle Übergriff wurde zum virilen Triebschicksal und die Überrumpelung zur Kavalierstugend geadelt. Die jüngste Apologetin dieser These, Camille Paglia, sieht noch in jeder Vergewaltigung den Satyr am Werk. Ovid aber berichtete einst von einem seligen Zustand, in dem der erotische Drang noch nicht dem patriarchalischen Gewaltakt, sondern dem poetischen Prinzip der Verwandlung, der "Metamorphose" folgte.

Der Begriff der "Metamorphose" führt unweigerlich ins metaphysische Fach – vielleicht wirken darum die wahrhaft Liebenden heutzutage immer auch ein bißchen antiquiert. In den mythischen Gestalten verbinden sich Trieb und Transzendenz. Nympholeptoi, von den Nymphen Ergriffene, nannten die alten Griechen die Erleuchteten. Die Nymphen, schreibt Silvia Vegetti Finzi in ihrem Essay über "Zeit und Mythos der weiblichen Sexualität" symbolisieren den Einbruch des Wunderbaren in den Alltag, sie sind die Boten der Verwandlung. Dagegen ist die moderne Nachfahrin der Nymphe nur noch ein Fall fürs Herrenmagazin.

Um die Liebe, in der Ich ein anderer wird, ist es offenbar nicht gut bestellt. Sie hat etwas mit "dem Umweg über die eigene Fremdheit" zu tun, ohne die, wie László F. Földenyi in seinem Aufsatz über die Ikonographie des Kannibalen bei Goya anmerkt, niemand zu sich selbst finden kann. Das Verdrängte gebiert Monster, Kannibalen, die ihr eigenes Fleisch und Blut verzehren. Das "kannibalische Risiko der Erotik", schreibt Manfred Schneider, ist schon genetisch programmiert, sein "wilder Ruf aus der phylogenetischen Frühzeit" hallt in jedem Flirt als fernes Echo nach. Die Liebessprachen des Abendlandes drücken das heimliche Verlangen aus, sich den anderen einzuverleiben, um alle Differenzen aus der Welt zu schaffen.

"Warum können Männer nur noch Männer, Frauen nur noch Frauen einigermaßen zutreffend beschreiben?" fragte Freundin Klara in Peter Schneiders Roman "Paarungen". "Was ist zwischen den Geschlechtern geschehen, daß sie im anderen nur noch den anderen, nicht mehr sich selbst erkennen?" Eine gute Frage. Stellen wir sie etwas anders: Was wird im "Zeitalter des Ganzkörperkondoms", das den "kleinen Unterschied" nur noch als pornographische Ausstülpung kultiviert, aus dem Eros der Verwandlung?

Folgt man der Lesart einer Reihe von Autoren dieses Heftes, so wird die Liebes-Metamorphose im Rausch der Sinne inzwischen vor allem als Todestrieb erfahren. Die Gewalt, die die Herausgeberin "über uns hereinbrechen" sieht, kommt demnach von innen. Der Mann, der die Auslöschung seiner Geschlechtsidentität im "kleinen Tod" riskiert, schreibt Gabriele Werner in ihrem Aufsatz über "Filme, die von den Gefahren männlicher Obsession erzählen", willigt in sein "tödliches Verhängnis" ein. "Die Frau ist die Todesstrafe des Mannes", hat auch Elfriede Jelinek ihren furiosen Prosabeitrag überschrieben, meint aber eigentlich das Gegenteil. Doch "auf Formen liegen wir ja schon längst keinen Wert mehr, wenn es um Mann und Frau geht!"