Von Carl D. Goerdeler

Kolumbiens Drogenzar Pablo Escobar wurde im Dezember erschossen, der Krieg gegen die Rauschgiftmafia ist trotzdem verloren. Diejenigen, die ihn kommandieren, ahnen es, aber sie haben nicht den Mut, ihre Niederlage einzugestehen. Statt dessen fordern sie immer mehr Waffen und immer mehr Geld. Die Drogenbekämpfer sind drogenabhängig geworden.

"Die Produktion von Rauschgift – Kokain und Heroin – sowie der Handel mit diesen Drogen werden in Lateinamerika unvermindert fortgesetzt und künftig wohl noch weiter ausgebaut werden ... Es gelingt mit polizeilichen Maßnahmen lediglich, fünf bis zehn Prozent des produzierten Rauschgifts durch Konfiszierung dem illegalen Markt zu entziehen." So die Lagebeschreibung des Bundesnachrichtendienstes (BND). Der BND, seit dem Ende des Kalten Krieges von Arbeitslosigkeit bedroht, hat inzwischen zahlreiche Planstellen den Drogendealern zu verdanken: Deren Verfolgung ist, wie ihr Geschäft, eine Wachstumsbranche.

Sechs Jahre war on drugs – und als Ergebnis eine Verdreifachung der Kokainproduktion, statt 4,8 schon 12 Millionen Konsumenten harter Drogen und ein Jahresumsatz von 150 Milliarden Dollar, der weltweit mit Rauschgift erzielt wird. "Was sollen wir tun? Sind alle Strategien gescheitert?" – rhetorische Fragen aus dem Auswärtigen Amt. "Natürlich nicht!" antwortet man aus Kinkels Ressort, eine "multilaterale Strategie" mit einem "sektorübergreifenden Gesamtkonzept" müßte her. Aber das Wortgeklingel maskiert nur die amtliche Hilflosigkeit, zumal der dezente Hinweis folgt, im zuständigen Ressort des Auswärtigen Amtes befaßten sich nur "anderthalb Personen" mit Drogenfragen. Also mehr Planstellen, mehr Beamte, mehr Geld?

In Washington scheint man inzwischen einzusehen, daß der Krieg gegen die Drogen nicht mit polizeilichen und militärischen Mitteln und auch nicht mit Geheimagenten zu gewinnen ist. Bill Clinton nannte den Krieg "verloren", den seine Vorgänger Reagan und Bush in Lateinamerika angezettelt hatten. Der Präsident beteuert, er wolle die Nachfrage nach Drogen reduzieren und den Drogenabhängigen helfen. Doch die Bürokraten im Pentagon, beim Geheimdienst CIA und bei der Drug Enforcement Agency (DEA), die sich zu einer international operierenden Rambo-Truppe entwickelt hat, werden nicht so leicht Geld an Streetworker abgeben wollen.

Daß die Drogen in erster Linie ein Problem der Yankees sind, haben die Regierungen in Lateinamerika schon immer gewußt, aber nicht gewagt zu sagen. Denn Washington hat sie zum war on drugs mit Zuckerbrot und Peitsche gezwungen. Kolumbien, Peru und Bolivien, die den Löwenanteil der harten Drogen in Lateinamerika produzieren und exportieren, bekommen Entwicklungshilfe vom Großen Bruder nur, wenn sie die Kokafelder vernichten und die Drogenbosse ausliefern oder selber hinter Schloß und Riegel bringen. Das Plansoll hat George Bush 1990 auf dem Drogengipfel von Cartagena diktiert – derselbe George Bush, der als CIA-Chef jahrelang ausgerechnet Panamas Manuel Noriega hofierte, weil der für die Nordamerikaner den Dreck im Krieg gegen die Kommunisten, die "Commies" von Nicaragua und El Salvador, erledigte.

Noriega sitzt wegen Kokainhandels lebenslang in Miami, der Kalte Krieg ist vorüber, George Bush längst pensioniert. Aber das Drogenproblem ist nicht aus der Welt geräumt – weder in den Konsumenten- noch in den Produzentenländern.