ZEIT: Herr Leysen, seit 1980 ist die Zahl der Arbeitslosen in Westeuropa trotz Wachstums von zehn auf 18 Millionen gestiegen. Haben Sie als europäischer Unternehmer dafür eine Erklärung? Leysen: Ich möchte diese Zahl nuancieren. Mindestens ein Teil der Arbeitslosen will nicht zurück auf den Arbeitsmarkt und lebt von einer Vergütung, wobei das Einkommen oft höher liegt als vorher. So ist es wenigstens in meinem Lande. Trotzdem dürfen wir die Augen nicht verschließen vor dem wirklichen Problem. Ich glaube, der grundsätzliche Fehler Europas liegt darin, daß wir uns darauf konzentriert haben, hohe Löhne zu bezahlen und die Leute, die dadurch aus dem System gefallen sind, gut zu versorgen. Wir haben eine passive Arbeitspolitik betrieben. Hier müßte Europa grundsätzlich umdenken.

ZEIT: Im Kern geht es nur um die Lohnhöhe? Leysen: Ich bin für hohe Löhne, aber man muß die Folgen tragen. Bei hohen Löhnen fallen bestimmte einfache Arbeitsplätze weg, die sich einfach nicht mehr lohnen. Neue Arbeit kann man nur durch technischen Vorsprung schaffen, und der ist immer schwerer zu erringen. Mittlerweile ist sogar unser Dienstleistungssektor der internationalen Konkurrenz ausgesetzt: Man kann nachts Daten nach Indien schicken, sie dort bearbeiten lassen, und sie kommen am nächsten Tag zurück, Um mithalten zu können, müssen wir die Innovationskraft und Beweglichkeit der europäischen Wirtschaft wiederherstellen. Beim technischen Fortschritt liegt Deutschland gar nicht so schlecht, in Sachen Flexibilität sieht es schlechter aus. ZEIT: Das bedeutet Lohnsenkungen?

Leysen: Lohnkürzungen würden in die Krise führen. Aber wir müßten eine gewisse Stabilität in das Lohnniveau bekommen. Die zweite Aufgabe ist Kostensenkung durch Flexibilität. Unser Maschinenpark wird auf Grund vieler Sozialvorschriften nur ungenügend genutzt. Außerdem haben die Tarifpartner zu viele Dinge zu Lasten des Staates beschlossen, etwa die Regelungen zur Frühpensionierung. Nun ist der Staat an seine Grenzen gekommen. Dies erfordert von den Tarifparteien Umdenken, und das ist eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre.

ZEIT: Ist damit das kontinentaleuropäische Modell des Kapitalismus, die soziale Marktwirtschaft, am Ende, müssen wir uns an das amerikanische Modell anpassen?

Leysen: Nein, unser System, das der Franzose Michel Albert den "rheinischen Kapitalismus" genannt hat, behält seinen Wert, weil es das Menschliche mit dem Geschäftlichen auf praktikable Weise verbindet. Die soziale Marktwirtschaft hat 45 Jahre gute Dienste geleistet, aber sie ist jetzt an ihre natürlichen Grenzen gestoßen. Es ist ein tödlicher Cocktail entstanden: geringerer Leistungsdrang, höhere Einkommen, Überalterung der Bevölkerung, höhere Inanspruchnahme von Sozialleistungen. Die Lasten, die dadurch auf den Staat abgewälzt werden, sind nicht mehr tragbar. Dies ist ein europäisches Problem.

ZEIT: Was bedeutet das für die Bürger?

Leysen: Die schwierigste Aufgabe stellt sich zweifellos für die Vertreter der Arbeitnehmer. Die Gewerkschaften haben früher für immer höhere Löhne und Sozialleistungen gesorgt. Das war ihre Aufgabe, und die haben sie sehr gut erfüllt. Aber nun spüren sie selbst die Grenzen des Systems, müssen ihre Organisation umbiegen und ihren Leuten sagen: Laßt es mal so, wie es ist, vielleicht müssen wir sogar Einbußen hinnehmen. ZEIT: Also doch eine Annäherung an das amerikanische Modell.