Von Gisela Dachs

Deutschsprachige Veröffentlichungen gibt es nicht viele in Israel Gutmans Arbeitsbibliothek – der Titel sticht deshalb um so mehr ins Auge: "Schöne Zeiten" steht da auf einem Buchrücken, und man muß schon genau hinsehen, um den kleingedruckten Untertitel zu entziffern: "Über den Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer". Die meisten anderen Bücher im Regal sind in Hebräisch, Englisch oder Polnisch. Deutsche Bücher zum Thema seien eher selten, sagt der Holocaustforscher. Als Erklärung dafür kann er nur "eine Art Gefühl" angeben, daß es "nicht gerade populär und auch nicht einfach" sei, solche Veröffentlichungen in Deutschland durchzusetzen. Seit kurzem liegt aber jetzt auch die deutsche Fassung einer dreibändigen "Enzyklopädie des Holocaust" vor. Hauptherausgeber des Nachschlagewerks (erschienen im Argon Verlag) ist Israel Gutman, Leiter des israelischen Forschungsinstituts Yad Vaschem, 1953 gegründet und mit über 80 000 Bänden eines der größten dieser Art.

Dem Historiker hat das Werk eine unvermutete Reise nach Deutschland eingetragen. Am Donnerstag dieser Woche wird ihm der Carl-von-Ossietzky-Preis der Stadt Oldenburg verliehen. Es falle ihm nicht leicht zu fahren, sagte Israel Gutman wenige Tage vor dem Abflug, aber andererseits schätze er die Tatsache, daß der Name eines Mannes wie Ossietzky heute hochgehalten werde. Drei Tage wolle er bleiben, dann müsse er wieder an seinen Schreibtisch nach Jerusalem zurück.

Der steht in einem kleinen Büro oberhalb der Bibliothek von Yad Vaschem (wörtlich: Denkmal und Name). Die israelische Holocaust-Gedenkstätte liegt auf einem Hügel des Herzl-Bergs. Das Fenster von Gutmans Büro gibt einen weiten Ausblick frei auf Westjerusalem. Gutman, der an der Hebräischen Universität Jerusalem neuere jüdische Geschichte lehrt, beantwortet bereitwillig alle Fragen, die sein Fach betreffen. Nur über sich selbst spricht er nicht gerne.

Mit leiser Stimme und in knappen Sätzen gibt er seine Biographie preis. Es hat den Anschein, als wolle er über sein eigenes Leben in Gedanken hineilen. Geboren wurde er 1923 in Warschau, war Mitglied der zionistischen Jugendbewegung und kam nach Kriegsausbruch wie alle Juden ins Ghetto. Als Zwanzigjähriger nahm er als Mitglied der jüdischen Kampf Organisation am Warschauer Ghettoaufstand teil, wurde verwundet; die Nazis schickten ihn erst nach Majdanek, dann nach Auschwitz, von dort nach Mauthausen. "Dort bin ich am 5. Mai 1945 befreit worden." Von seinen Verwandten hat niemand überlebt.

Noch vor der Staatsgründung Israels kam er nach Palästina, wurde Mitglied in einem Kibbuz in Galiläa. Dann erst begann seine akademische Laufbahn. Israel Gutman zählt zu jenen Holocaustforschern, die ihr Thema nicht nur aus Büchern kennen. Wie verkraftet er die tägliche Beschäftigung mit dieser Vergangenheit?

Das sei eine schwierige Frage, sagt Israel Gutman, aber vielleicht schaffe die Arbeit auch Distanz und einen Weg, sich durchzusetzen. Dann spricht er über die vielen anderen Überlebenden und daß er es für ein Wunder halte, wie viele von ihnen die innere Kraft gefunden haben, Familien zu gründen und ein normales Leben zu führen, zu arbeiten, ins Theater zu gehen, dem Dasein mit Humor zu begegnen. "Wir wissen, wie wichtig es ist zu gedenken, für diese Leute aber war es wichtig zu vergessen."