Die Apartheid ist tot. Es lebe das neue Südafrika, das in diesen Tagen so verheißungsvoll begonnen hat. Nie während der letzten Monate gab es so wenig Gewalt wie in diesen Tagen. Mandelas ANC hat über sechzig Prozent aller Stimmen auf sich vereinigt, de Klerks National Party über zwanzig Prozent, und Buthelezis Inkatha übersprang glücklicherweise die Fünfprozenthürde, so daß er selber das Recht auf einen Sitz im Kabinett hat.

Die Schwarzen, die oft viele Stunden angestanden haben, um ihren Zettel in die Urne zu werfen, sind nicht nur wegen ihrer Geduld zu bewundern. Mehr noch beeindruckt ihre Bereitschaft zur Versöhnung. Nelson Mandela hat mit überzeugender Deutlichkeit gesagt, er werde nicht zulassen, daß an die Stelle der weißen Apartheid in Zukunft eine schwarze Apartheid tritt. Seine Begründung: "Das Land gehört uns allen." Das sagt jemand, der von den weißen Herrschern zu 27 Jahren strengster Haft verdammt war – die erste Hälfte der Zeit ohne Zeitungen, ohne Radio und ohne Besuche.

Wir Deutschen, die wir meinen, es sei möglich, die Vergangenheit "aufzuarbeiten", bemühen uns seit drei Jahren, in fleißiger Kleinarbeit herauszufinden, wer bei der Stasi was getan hat. Monatelang wurden beispielsweise Untersuchungen darüber angestellt, wer Manfred Stolpe an welchem Ort einen Stasi-Orden umgehängt hat.

Wir sollten uns an den Schwarzen Südafrikas ein Beispiel nehmen. Wie viele Opfer sind ihnen zugemutet worden, wie viele Leiden haben sie ertragen: Generationen wurden erbarmungslos aller menschlichen Würde beraubt, seit 1948 wurden sie mit Hilfe von immer wieder verfeinerten Gesetzen diskriminiert; allein wegen der Paßgesetze wanderten in manchen Jahren über 200 000 Schwarze ins Gefängnis; während der letzten zehn Jahre wachsenden Widerstands und zunehmend grausamer Unterdrückung wurden 50 000 von ihnen ohne Verfahren verhaftet und monatelang in Gefängnissen festgehalten. Niemand kennt im übrigen die Zahl derjenigen, die alljährlich durch Folterungen in der Gefangenschaft umgekommen sind. Aber Nelson Mandela sagt: "Laßt uns die Vergangenheit vergessen, wir brauchen jetzt Vergebung und Versöhnung."

Und wie geht es weiter? Nun wird eine Regierung der nationalen Einheit gebildet werden, eine Koalition jener Parteien, die mehr als fünf Prozent aller Stimmen auf sich vereinigen konnten. Sie wird während fünf Jahren das Land durch die Fährnisse des nun beginnenden Wandels steuern. Nach der nächsten Wahl, im Jahr 1999, entfällt dann die zur Sicherheit für die weiße Minorität vereinbarte Koalition, und die reine Mehrheit übernimmt die Regierung.

Es macht Mut, daß die Wahlen entgegen allen Voraussetzungen so diszipliniert verlaufen sind. Aber der Weg, den Pretoria nun vor sich hat, führt über Gebirge von ökonomischen und psychologischen Hindernissen: Die Erwartungen der schwarzen Massen sind unvorstellbar groß, und die Möglichkeiten, ihnen zu entsprechen, bleiben erschreckend klein. Millionen Wohnungen müssen gebaut werden, Hunderttausende Schulen fehlen, für die Lehrer erst noch ausgebildet werden müssen; es fehlen die Mittel sowohl für die notwendige Lohnerhöhung wie zur nachhaltigen Bekämpfung der Arbeitslosigkeit – um nur die allerdringlichsten Bedürfnisse zu nennen.

Aber es gibt auch Faktoren, die Mut machen und Hoffnung zulassen. Es gibt eine Schicht gutausgebildeter schwarzer Facharbeiter, die Infrastruktur ist erstklassig, die von den Weißen aufgebaute Wirtschaft ist modern und leistungsfähig. Wenn der Geist der Versöhnung und des Engagements für ein neues Südafrika anhält und die Geduld der Schwarzen nicht reißt, dann sollte es gelingen, dieses Land, das aus einem Teil moderner Industriegesellschaft und einem größeren Teil Dritter Welt besteht, zu einer nationalen, vielrassigen Einheit zu integrieren. Eine gute Gewähr bieten jene beiden unersetzlichen Persönlichkeiten: der pragmatische Frederik de Klerk und der messianische Nelson Mandela.