Von Dietmar H. Lamparter

Die Ehre läßt sich Michael Greuter nicht nehmen. Persönlich holt er seinen Star vom Hotel ab und geleitet ihn durch den Hintereingang bis zur Bühne des Singener Stadttheaters. Obwohl der Inhaber der größten Buchhandlung der Stadt unterm Hohentwiel schon seit Jahrzehnten Autorenlesungen organisiert, ist er diesmal besonders aufgeregt: Zum ersten Mal kann er seinem Publikum einen Sachbuchautor präsentieren, der "gleich mit zwei Titeln ganz oben auf der Spiegel-Bestsellerliste steht".

Der Stargast, der an diesem Abend das Stadttheater füllen soll, heißt Günter Ogger. Der kleine Mann mit Hornbrille, Schnauzer und spärlichem Haarkranz gefällt sich seit Monaten in allen Medien in der Rolle des Anklägers: Die "Versager" in den Managementetagen und neuerdings die "üblen Machenschaften" der deutschen Finanzwelt hat er im Visier.

Qualifiziert für diese Rolle hat sich der 53jährige Schwabe durch den Erfolg seiner beiden jüngsten Bücher: Rund 450 000 Exemplare seiner Managerschelte "Nieten in Nadelstreifen" (ZEIT Nr. 50/93) gingen seit Ende 1992 über den Ladentisch, und auch "Das Kartell der Kassierer" (ZEIT Nr. 12/94), in dem Ogger im März die gesammelten Sünden des Geldgewerbes auf den Markt warf, strebt unaufhaltsam der 100 000er-Auflagenschwelle zu.

Der Stargast ist an diesem Abend kaum weniger nervös als sein Gastgeber. Schließlich rechnet er fest damit, heute – erstmals vor großem Publikum – eine Doppelrolle spielen zu müssen: Zum gewohnten Part des Anklägers der Großen und Mächtigen wird wohl die des Verteidigers in eigener Sache kommen. Schließlich hatte ihn vor wenigen Tagen die eigene Vergangenheit eingeholt. Ausgerechnet dem Kritiker der Geschäftsmoral anderer wurde vom Landgericht München eine "nicht unbeträchtliche kriminelle Energie" bescheinigt: Wegen Steuerhinterziehung von gut 420 000 Mark wurde er zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung und 100 000 Mark Geldstrafe verurteilt.

Seiner ursprünglichen Hoffnung, "die Sache ohne Aufsehen abzuwickeln", stand seine frische Prominenz im Wege. "Irgend jemand hatte den Kollegen einen Tip gegeben", bedauert der Wirtschaftsjournalist. Und die Kollegen, die ihn in den Wochen zuvor noch gern als Kronzeugen für die Fehlleistungen anderer genutzt hatten, kannten kein Pardon. Vor allem die Gazetten in seiner Wahlheimat München heizten ihm kräftig ein: "Bestsellerautor – ein Betrüger in Nadelstreifen", titelte die auflagenstarke Abendzeitung auf Seite 1, und das Konkurrenzblatt tz machte den Sündenfall ebenfalls zur Topmeldung.

Auch die Singener konnten im regionalen Monopolblatt Südkurier davon lesen. Doch die Negativ-Publicity scheint das Interesse an diesem Mittwoch noch stimuliert zu haben. Trotz Fußballländerspiel bezahlen an diesem Abend mehr als 300 Bürger der 40 000-Einwohner-Industriestadt (Maggi-Werke, Alusingen) zehn Mark Eintritt, um den "groben Pauschalierer" (Ogger: "Die Bezeichnug lass’ ich mir gefallen") live zu erleben. Selbst aus dem 35 Kilometer entfernten Konstanz und der nahen Schweiz sind einige Ogger-Fans angereist, um seine Abrechnung mit "den Abzockern" in Banken und Versicherungen zu hören.