Der 24. August 1943, ein Dienstag, ist im Lager Westerbork ein ereignisreicher Tag, das Kulturprogramm ist besonders kurzweilig. An den Eingängen der Baracken hängen vervielfältigte Mitteilungen: "Sport im Lager Westerbork. Leichtathletik Wettkampf Außer den gängigen Disziplinen, Hochsprung, Weitsprung, Kugelstoßen, Laufen, sind auch Wettkämpfe in spezielleren Sportarten vorgesehen - Korbball, Jiu Jitsu, Boxen, Handball, Gymnastik. Im Lauf des Tages wird ein Kinderspielplatz eröffnet, mit ein paar Wippen, einem Sandkasten und Bänken zum Ausruhen und Zuschauen. Am Abend gibt es ein Konzert.

Begonnen hat der 24. August, wie die Dienstage im Jahr 1943 im Lager Westerbork fast alle beginnen: mit einer Deportation holländischer und deutscher Juden in die Vernichtungslager im Osten. An diesem Dienstag hatte es, der Spielplatzeröffnung vorausgehend oder sie zeitlich begleitend, Turbulenzen gegeben. Drei Männer, deren Namen auf der aktuellen Transportliste stehen, sind geflüchtet, um sich der Deportation zu entziehen. Stundenlang zieht sich eine Treibjagd hin, bis der Ordnungsdienst (ÖD) der jüdischen Lagerselbstverwaltung zwei der Flüchtlinge faßt. Die Strafe für den Fluchtversuch entspricht der berechneten Irrationalität der ganzen Lageratmosphäre: Weitere fünfzig Juden müssen an diesem Tag "auf Transport". Philip Mechanicus kommentiert in seiner Tagebucheintragung vom 24. August 1943: "Das Entsetzen über den Transport wurde noch übertroffen von der Entrüstung über die Flüchtlinge, die die Bestrafungsaktion hervorgerufen haben. Man ist merkwürdigerweise nicht über den Kommandanten entsetzt, der völlig willkürlich fünfzig Männer auf Straftransport schickt, und zwar für etwas, woran sie nicht im geringsten beteiligt waren. Auch nicht über die ODler, Juden, die wilden Hunden gleich - Juden nachsetzten und ihnen nicht die Chance gaben, die Flucht zu ergreifen. So weit ist die geistige Verwirrung vieler bereits fortgeschritten So perfekt verstand sich der Nationalsozialismus auf die Mißhandlung des Menschenverstandes.

Philip Mechanicus schrieb das Lager Tagebuch, das er "Im Depot" nannte, in Schulhefte. Denn es gab in Westerbork nicht nur schöne Konzerte, ein weithin beliebtes Kabarett, das größte und medizinisch niveauvollste Krankenhaus Hollands. Es gab auch eine Schule, in der jüdische Kinder noch etwas Bildung bekamen, bevor sie nach Auschwitz, Sobibor, Theresienstadt oder Bergen Belsen verfrachtet wurden. Die Hölle der nationalsozialistischen Menschenvernichtung kannte verschiedene Vorhöllen mit verschiedenen Konzepten. Die Mimikry der Normalität war ein besonders perverses Konzept. Denn sein Terror zielte auf die Wahrnehmung und bediente sich ästhetischer Methoden der Methode der Illusion und der Inszenierung. In Westerbork, einem sogenanntes Zwischenlager, herrschte eine umfassende Scheinordnung. Sie enthielt humanen Komfort. Er ging gerade bis zu jener psychologischen Schwelle, an der Menschen bereit sind, sich in ihren Opferstatus zu finden. Bei schönem Wetter wurden Betten und Bettlägerige, darunter solche, die sich wie Philip Mechanicus von Folterungen erholten, auf die Gehwege vor den Krankenhausbaracken getragen, da frische Luft und Sonnenschein der Genesung und der allgemeinen Stimmung guttaten. Diese episodischen Details sind bekannt. Sie werden als Fußnoten des Holocausts gehandelt und wirken neben dessen Hauptaktionen vergleichsweise harmlos. In der Hierarchie des Schreckens spielen sie sich auf der untersten Ebene ab und kommen dem Bedürfnis nach relativierenden Maßstäben entgegen. Der Verstand behilft sich mit solchen Maßstäben, um sich das absolut Unverständliche gefügig zu machen.

Als Philip Mechanicus über neun Monate hinweg, vom 28. Mai 1943 bis zur letzten Eintragung am 28. Februar 1944, ein Tagebuch über das Lagerleben in Westerbork verfaßt, hat er keinen Vergleich und keinen relativierenden Maßstab. Was er sieht und erlebt, hat nicht die Kohärenz des Rückblicks, sondern die Virulenz unmittelbarer Gegenwart. Das Buch "Im Depot", so bedeutsam und in Holland so bekannt wie das Tagebuch der Anne Frank, ist ein ungeheures Dokument - unerklärlich, warum es bis jetzt, bis der Berliner Kleinverlag Tiamat sich an die Herausgabe machte, im Deutschen noch nicht erschienen ist. Die Maschinerie der Menschenvernichtung ist erforscht und analysiert, ihr internes Betriebsleben hat unbekannte Kapitel.

Philip Mechanicus war Journalist. Er ist viel gereist, auch in Deutschland, in Palästina, in der Sowjetunion, und war ein engagierter, urteilsscharfer, fleißiger Vielschreiber. Ab 1936 ist er Chef der Auslandsredaktion der liberalen Zeitung Algeeinem Pseudonym Feuilletons. Ende September 1942 wird er, ohne Judenstern herumgehend, an einer Straßenbahnhaltestelle von einem holländischen Polizeiagenten verhaftet, in das Polizeigefängnis Amersfoort und von dort, schwer mißhandelt, nach Westerbork überstellt.

Nach ein paar Wochen nimmt Mechanicus seine Tätigkeit als Chronist wieder auf. Denn "Im Depot" ist kein Seelendiario, sondern ein Journal gesellschaftlicher Ereignisse. Mechanicus stößt sofort auf den inneren Konflikt, der die Lagergesellschaft beherrscht: zwischen den deutschen und den holländischen Juden. Westerbork war eine komplette Simulation der Normalität mit allen bürgerlichen Dienstleistungen: Frisör, Seelsorge, Fußpflege. Und Generations, Klassen, nationalen Konflikten. Sie waren programmiert. Westerbork war noch vor der deutschen Besetzung als Lager für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland eingerichtet worden - finanziert von der jüdischen Gemeinschaft Hollands "Niemand ahnte damals, daß damit die erste Abschlagszahlung auf die Finanzierung des eigenen Untergangs geleistet worden war", schreibt Eike Geisel im Vorwort. Als die Nazis das Lager 1942 übernahmen und in "Polizeiliches Judendurchgangslager" umbenannten, beließen sie es bei der deutschjüdischen Selbstverwaltung und besetzten nur die oberste Ebene mit SS Chargen. Die deutschen Juden waren nun "Veteranen" in höheren Positionen, die holländischen Juden Neuankömmlinge, die jene als "preußisch", "diktatorisch", als "kleine Hitlers" empfanden "Westerbork war der größte Verschiebebahnhof in Westeuropa, von welchem aus rund 100 000 holländische Juden in die Vernichtungslager verfrachtet wurden", schreibt Eike Geisel. Bis zu 17 000 Menschen hielten sich an einem Tag im Lager auf.

Mechanicus verfaßte sein Tagebuch nicht nach Lust und Laune, sondern notorisch, stoisch; seine täglichen Eintragungen sind alle etwa gleich lang. In der ersten Schreibzeit ist die Lakonie tonangebend, nach einigen Monaten legt er sich Ironie und Sarkasmus zu, die Aufputschmittel der Urteilskraft. Der Schluß wirkt gedanklich ein wenig zerfahren. Die letzte Eintragung ist vom Montag, den 28. Februar 1944. Wenig später schreibt er seine letzte Botschaft: Auf der Fahrt von Westerbork nach Bergen Belsen wirft er eine Postkarte aus dem Zug, gerichtet an seine Tochter:. Grüße an alle Freunde, insbesondere an Mams. Gruß, Paps". Im Oktober verließ sein Transport das "Aufenthaltslager" Bergen Belsen Richtung Auschwitz. Drei Tage nach der Ankunft wurden alle Angehörigen dieses Transports erschossen. Tagebuch aus Westerbork; aus dem Niederländischen von Jürgen Hillner; mit einem , Vorwort von Eike Geisel; Edition Tiamat, Berlin 1993; 384 S, 45- DM