Mister Cale!" Doch er ist schon verschwunden, um die Ecke des teppichbelegten Hotelflurs, in Hörweite noch antwortet er, unsichtbar. Zwei, drei Sätze. Zu spät. Ich habe vergessen, ihn nach der Axt zu fragen, damals in Tanglewood, Anfang der sechziger Jahre: Ob er wirklich während des Konzerts einen Flügel zertrümmert habe oder doch nur einen Tisch, um den Klang von splitterndem Holz zu hören? Oder 1977, als er den Punks zeigen wollte, was Gewalt ist. Ob das Huhn schon tot war oder noch lebte, als er ihm den Kopf abhackte? Oder nach seinem Geburtsjahr: 1940 oder doch 1942? Zu spät, das Tonband läuft nicht mehr, und nichts existiert, das nicht aufgezeichnet wird "Bye, Mr. Cale!" "The Milestone", ein kleines, sehr stilvolles Hotel in London, darin John Cale, Komponist, Musikautor, oft Schauspieler und Regisseur in einer Person, früher Sachwalter für Paranoia, Gewalt und gebrochene Herzen, Eigentümer der ergreifendsten, wärmsten Stimme von Wales, der Welt, jetzt Produzent für eine Woche, in der er einige Stücke zu dem neuen Album von Siouxsie and the Banshees beisteuern oder bearbeiten oder produzieren soll, so genau weiß er das noch nicht, aber morgen während sein Blick auf dem sonnigen Kensington Park ruht: morgen früh dann. John Cale ist kaum zu fassen. Intensität und Entrücktsem, aufflammende Neugier und erlöschendes Interesse wechseln wie die Sitzchoreographie auf dem Samtsessel. Viele Sätze läßt er unvollendet im Raum stehen, in der Luft. Er blickt aus dem Fenster, und es ist nicht sicher, ob er sieht, was da zu sehen ist. Ein Park, ein paar Fußballspieler, ferne Fußgänger wie Pünktchen.

"Oh, die Europatournee im Mai Etwas kompliziert: "Das Soldier String Quartet spielt Blues Transcriptions, dann Bob Neuwirth mit eigenen Songs und Liedern aus Last Day On Earth, dann komme ich dazu, dann das Streichquartett nach der Pause ein paar Teile aus Life Underwater, dann der Steelgitarrist B J. Cole, dann wieder " Ein John Cale Potpourri! "Ja, vielleicht " Archivbilder sind zu sichten, Geschichten einer Person, die sich bündeln und dann wieder zerstreuen wie Lichtpunkte auf einem Filmstreifen. Geschichte Nr. 1: Am 9. März, bleiben wir bei 1942, wird John Cale in GarnantWales geboren. Der Vater ein Bergarbeiter, eine Mutter, die ihn zwingt, Klavierstunden zu ertragen. Als sie der Ansicht ist, er solle sich auf die Schule konzentrieren und dürfe die Musik vergessen, ist es zu spät. Im Schulorchester wählt er die Bratsche, Ende der fünfziger Jahre geht er nach London, studiert drei Jahre am Goldsmiths College Musik. Aaron Copland vermittelt ihm ein Stipendium für das Berkshire Music Center in TanglewoodMassächusetts. 1963, mit 21 Jahren, trifft er in New York ein, arbeitet mit John Cage, schließt sich La Monte Young an, dem Paten des Minimalismus. Ein klassischer Schwarzweißfilm.

"Im 3. Programm der BBC lief damals die Sendereihe New Music. Sie brachten Schönberg, ein paar Sachen von Maurice Jarre, wirklich moderne Stücke. Kurz bevor das Konzert übertragen wurde, tauchte Maurice im Saal auf, mit zwei der schönsten Frauen, die ich je gesehen hatte. An jedem Arm eine. Ich saß da und dachte: Verdammt, die Avantgarde hat doch Zukunft!" ewig ausgehalten, ein Summen von Obertönen, die Segnungen der Wiederholung: John Cale spielt in La Monte Youngs "Theatre of Eternal Music", trifft dann Ende 1964 den Sänger und Popkomponisten Lou Reed, sie bilden den Kern der Velvet Underground. Ein Mythos wird geboren, als Andy Warhol sie für seine Mixed MediaShow "The Exploding Plastic Inevitable" verpflichtet. John Lennon und Paul McCartney, John Cale und Lou Reed, die Rollen, die Texte sind schnell verteilt. Lange, ausufernde, bohrende Klangimprovisationen, auf dem anderen Kanal kurze, bösartig genaue Bestandsaufnahmen der Realität: "Sister Ray" und "Sweet Jane", eine Popgeschichte für Erwachsene.

London 1994: John Cale singt Rocksongs, komponiert für Klavier, für Streichorchester, vertont Gedichte von Dylan Thomas, arrangiert und schreibt Ballettmusik, Filmmusik, Suiten, John Cale spielt, John Cale spricht. Seit 1969, seit ihn Lou Reed aus den Velvet Underground entlassen hat, überschneiden sich die populäre und die klassische Geschichte, werden die beiden Filme übereinanderprojiziert. Selbst zwischen 1974 und 1986, in den Jahren des "Rocksängers" Cale, verdeckt der Avantgardefilm oft das sentimentale Hollywood, es entstehen die reinsten Momente gebrochener Schönheit "Scheiße!" brüllt mein Nebenmann, Mitte der achtziger Jahre, als John Cale minutenlang denselben Akkord hämmert, als er auf dem Boden kriecht, das Klavier sucht, Tonpantomimen in der Luft spielt, die Bühne zum Theater macht, seine eigene Band in ebenso tiefe Ratlosigkeit stürzt wie das unschuldige Publikum, das Rockpalast wollte und Fluxus bekam. John Cale verneigt sich, höflich uttd schneidend. Er ist beides: Adliger und Revolutionär, Dandy und Jakobiner, einer, der sich selbst der schärfste Feind ist. In seinen traumhaftesten Balladen schwingt dieser bedrohliche Unterton mit, oft münden diese Songs, die so einschmeichelnd melodiös streicheln, in schmerzverzerrtem Schreien und Brüllen, der Pianist schlägt die Hände vors Gesicht und bricht über den Tasten zusammen, wahrend "THE END" auf der Leinwand erscheint. Und so sucht er nach Partnern, in denen er seine Sehnsucht spiegeln kann, die ihn vom Kampf gegen sich selbst erlösen.

Lou Reed zuerst, dann Nico, für die er vier Alben produziert, darunter "Marble Index", einen Rosetta Stein des Avantgardeliedes, dann die erste Platte des Godfather of Punk - Iggy Pop mit seinen Stooges. Er arbeitet für Columbia, Warner Bros, Island, entdeckt den Rohdiamanten Jonathan Richman und seine Modern Lovers oder produziert Patti Smiths "Horses". Immer wieder entflieht er der Einsamkeit, die in seinem depressiven Meisterwerk "Music For A New Society" gipfelt, sucht Geborgenheit im dröhnenden Gitarrenklang einer Söldner Band oder in neoromantischen Kompositionen für Symphonieorchester. John Cale als Produzent - es sind Momentaufnahmen, Dias, die sich über den Lebensfilm legen, während er am Piano wie der Begleiter eines Stummfilms elegische Impressionen darunterlegt.

" The grass is always greener. Jede Wahl enthält ein gewisses Maß an Enttäuschung. Wenn ich Rock n Roll spiele, sagen die einen, hey, das isl toll, aber. Wenn du etwas bringst, auf das die Leute nicht vorbereitet sind, dann "

Er hat es noch einmal versucht, im letzten Jahr, hat die zweite Chance ergriffen, die es nicht ofl gibt, stand wieder auf der Bühne mit The Velvet Underground - vorbei. Ein bitteres Lächeln: "Ich denke, unsere Motive waren sehr verschieden, Lou wollte kein Teil einer Band sein. Jeder von uns ging das Ganze ziemlich gutgläubig an, bis wir feststellten, daß Lou sich auf einer Lou ReedTour befand, während der Rest als Velvet Underground unterwegs war Dann lacht er, dieses walisische, tiefsitzende Lachen, das mit einer Kurbel angeworfen wird, knattert und dröhnt und langsam zum Stillstand kommt. Vielleicht steht dieses Lachen zwischen ihnen, Lou Reed könnte so nicht lachen, so bauchig, so saftig bitter.