In bedrohten Zeiten ist Gelassenheit eine Tugend: Das Museum der bildenden Künste würdigt in der Person Julius Schnorr von Carolsfelds einen vor 200 Jahren in Leipzig geborenen Maler und Zeichner, der einmal unter den Nazarenern in Rom eine Lichtgestalt war. Und es demonstriert mit einer akribisch erarbeiteten Gedächtnisschau, wie intensiv Museumsarbeit im Dienste eines Künstlers sein kann, auch wenn dessen Werk im allgemeinen Gedächtnis kaum mehr existiert. 250 Gemälde, Zeichnungen und Entwurfskartons für Fresken, davon viele Arbeiten aus dem eigenen Bestand: Eine so umfangreiche Ausstellung hat es seit 100 Jahren nicht mehr gegeben, als das Frankfurter Freie Deutsche Hochstift, vermutlich mit einigem vaterländischen Aufwand, Schnorr zum 100. Geburtstag feierte. Die Moderne mußte über den idealistischen Lucasbruder aus Sachsen, den Münchner Akademielehrer und späteren Dresdner Galerie- und Akademiedirektor hinweggehen. Seine Suche nach dem "Ewigen und Göttlichen" im Kunstschönen, wie sie im Kreis der Wiener Romantiker begonnen und sich in Italien in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts erfüllt hatte, konnte im 20 kein Echo mehr finden.

Fromme Sujets, höhere Wahrheiten, ein aus den Freiheitskriegen genährter nationaler Impetus, die Poesie einfacher Bilder, die die Werte der Vergangenheit für die Gegenwart nutzbar zu machen suchten - das ist heute sehr fern.

Das Beispiel altdeutscher und früher niederländischer Bilder hatte den jungen Mann gelehrt, das Schlichte im Schönen zu sehen und dauerhafte Werte in einer Kunst jenseits "falsch verstandener individueller Freiheit". Daraus war unter dem Einfluß italienischer Malerei im römischen Jahrzehnt ein aus heiliger Unschuld, ernsthaftem Fleiß und erstaunlichem Talent geborenes bildnerisches Werk entstanden. Madonnen wuchsen in diesem "Frühlingsgarten der neuen deutschen Kunst" (Ludwig Richter), so kühl und so klar wie die gleichzeitig portraitierten jungen Frauen: entrückte Raffael Erscheinungen vor der stilisierten Landschaft der Campagna - und dann und wann ein Blick, der die bewußte Distanz eher unterstreicht als aufhebt. Zurückgekehrt in deutsche Lande und unbeeindruckt von freieren Äußerungen der Romantik, übertrug Schnorr von Carolsfeld seine sentimentalischen Ansichten einer idealen Gegenwart auf Schilderungen einer heldenhaften Vergangenheit. Die vielen Quadratmeter seiner im Auftrag des bayerischen Königs entworfenen Münchner- "Nibelungen"- und "Kaiser" Fresken sind in Leipzig nun in Studien und Kartons präsent, ebenso wie die Entwürfe zu jener "Bilderbibel", die über Generationen selbstverständliches Inventar deutscher Familien war. Wobei der darin vorgebrachte sittliche Ernst und die rigide Hartnäckigkeit seiner späten Geschichtsdeutungen Schnorrs künstlerische Möglichkeiten nur schwächen konnten. Sie machen auch deutlich, daß er dem von ihm verachteten "Wirklichkeitsprinzip" im aufkommenden Realismus seiner Zeit unterliegen mußte. So bleibt als Botschaft für heute die Kunst der frühen Jahre: brillante Zeichnungen aus dem "Römischen Porträtbuch" (um 1820) mit den Bildnissen der Freunde; die präzise beobachteten, aber sich jede Sinnlichkeit versagenden Aktstudien, die der junge Protestant aus Leipzig im Gegensatz zu seinen zum Katholizismus konvertierten Nazarenerfreünden pflegte; schließlich die erzählerischen "Capricen" und Landschaftsskizen, die Schnorr seinem Gönner Quandt zukommen ließ.

Formal orientieren sich diese Blätter oft noch an den Parallelschraffuren altdeutscher Druckgraphik. In ihrer lichten Klarheit, ihrer hochgemuten Strenge jedoch sind sie Zeugnisse einer Vollendung, wie sie für Schnorr von Carolsfeld nur in Rom möglich war.

Die Apotheose eines Malers in der Stille des graphischen Kabinetts: Das ist genau das Gegenteil einer heute gerngesehenen Museumsbetriebsamkeit. Im Pariser Petit Palais und in der Bundeskunsthalle haben jüngst 200000 Besucher in der Ausstellung von Spitzenwerken aus Leipzig eben dieses Prinzip konzentrierter Stille honoriert. (Bis zum 23. Mai; vom 5. Juni bis zum 31. Juli Kunsthalle Bremen; Katalog 44- DM)