Schon lange liegen sie auf dem Schreibtisch, auf gediegenem Papier edel gedruckt: die Einladungskarten für die feierliche Eröffnung des Kanaltunnels. Fran?ois Mitterrand wird dabeisein und auch Ihre Majestät Elisabeth H. Ein feines Essen winkt, die schnittigen Züge der Zukunft locken. Nichts wie hin. Dabeisein ist alles.

Allein, da wabert im Hinterkopf die mittlerweile etwas blasse Erinnerung an die erste Begegnung mit England, an schmuddelige Fähren und erhabene Kreidefelsen. Und da liegt, provozierend (wie kam das Buch just jetzt dahin?), Graham Greenes "Stamboul Train" genau in Reichweite. Darinnen von Dampfzügen die Rede ist, von Pursern, die in eleganten Zügen raffinierte Gerichte servieren, von einem Herrn Myatt, gekleidet in Stoff aus der Savile Row, der einen Burgunder, einen Chambertin 1923, auswählt, von einer geheimnisvollen Dame in Mauve. Der Entschluß fällt. Der Paris Korrespondent der ZEIT will nicht einfach nach England "gelangen". Nein, er will "übersetzen" nach Britannien. Ein bißchen Altertümlichkeit darf doch, bitte schön, sein, ein bißchen Beschwerlichkeit gehört einfach dazu, ein Hauch von Abenteuer gar - 119 Jahre, nachdem der tollkühne Captain Matthew Webb als erster den Kanal durchschwamm (und später töricht ersoff, als er gleiches bei den Niagarafällen versuchte); 85 Jahre, nachdem Louis Bleriot die Erstüberquerung zu Luft gelang.

Reisen, so sagt sich der auf die Insel Strebende, Reisen ist keine Frage von Metern und Minuten, sondern eine von Mentalitäten. Wo sich Marianne und John Bull bis auf 33 Kilometer nahe kommen, da muß doch etwas aufeinanderprallen, was sich in einem Tunnel nicht erfühlen läßt.

Der Fahrschein, am Pariser Nordbahnhof gekauft, läßt dann Träume erst mal zerstieben. Ein Papier, mit Magnetstreifen versehen, computerlesbar und zahlenverunziert. Wo bleibt das erhoffte stattliche Reisedokument? Ganz offenkundig ist die goldene Zeit der großen Fährzüge unwiederbringlich vorbei. Weder sitzt da die Dame in Mauve, noch der burgundertrinkende Herr Myatt und auch nicht der Pfarrer, der in seinem Wide den Hafen von Calais rattert - und das nur noch dreimal am Tag , ist vielmehr fast leer und so stinknormal, daß sie genausogut nach, sagen wir, Le Mans oder Dortmund unterwegs sein könnte. Überdies hält sie in kleinen Dörfern mit großen Friedhöfen, mit Backsteinhäusern und Blumenrabatten, in Abbeville oder in Etaples le Touquet schlicht in Orten, die des Anhaltens eines großen Fährzugs einfach nicht würdig sind.

In Calais verliert sich hernach ein schäbiges Häufchen: ein paar Tramper, ein paar Trinker, ein paar Träumer in der kahlen Bahnhofhalle. Kein Zeitungsjunge ruft mehr die Schlagzeilen großer Gazetten aus aller Herren Länder aus. Der verwaiste Kiosk ist vor allem mit Ausziehmagazinen bestückt. Die Welt gibt sich in Calais Maritime kein Stelldichein mehr. Wann hat im Restaurant im ersten Stock die letzte jener Soirees dansantes stattgefunden, die nach wie vor - so ein vergilbtes Schild - auf Wunsch arrangiert werden? Wann tafelte die letzte Hochzeitsgesellschaft zwischen Verladekränen und weißen Schiffen? Lediglich alte Plakate zeugen noch von größeren Tagen: Florenz, der Nordexpreß, leichtgeschürzte Nixen auf Schiffsdecks. Im Vordergrund scheppert eine Nadel über eine Edith Piaf Platte und läßt Abschiedswehmut aufkommen; im Hintergrund bohnert ein Mensch das Parkett.

Minuten später ist der "Spatz von Paris" dann entschwunden; statt dessen keucht Rod Stewart live ins Mikrophon, oder richtiger, ein Kerl aus Lancashire, der so tut wie jener und Steven heißt. Denn die Stena Invicta ist ein britisches Schiff; statt Le Monde gibt es den Independent zu kaufen, und, für die meisten Fährpassagiere entschieden wichtiger, statt Perrier wird Bitter ausgeschenkt. Man kann Rod alias Steven mögen oder nicht, lauwarmem Bier mehr oder minder zugeneigt sein - doch zugeben muß man: Die Englandfähren sind bequemer geworden. Wer vom Land der Froschschenkel und der Bidets übersetzt in jenes der Kaminfeuerattrappen und der Bitterorangenmarmelade muß nicht länger leiden.

Tobias Smollett beschwerte sich noch, die Kabinen seien so klein, daß selbst ein Hund sich nicht umdrehen könne, und so dreckig, daß einzig die extreme Müdigkeit ihn zwang, sich schlafen zu legen. Aber er beging den Fehler, schon 1763 zu reisen. Auch Lady Lisley, 1538 zu Schiff unterwegs, würde wohl heute kaum noch ihrem Tagebuch anvertrauen müssen: "Mir war nur einmal schlecht auf der Überfahrt Nämlich immer. Und vielleicht vermöchte mittlerweile gar Lord Macauley, unterwegs vor hundertfunfzig Jahren, einer Überfahrt etwas abzugewinnen. Damals hingegen klagte er bitterlich: "Warum Leute reisen, ist mir ein Rätsel. Die ganze Zeit das Gejammer, Gestöhne und Gekeuche von fünfzig seekranken Menschen anzuhören ist widerwärtig "