Eines jener schönen Gedenkbücher, das mit Christa Wolfs kleiner Einleitung - unser Jahrhundert schraffiert, indem es einen Menschen portraitiert: die Mainzer Bürgerstochter, promovierte Kunsthistorikerin, die ihren Nom de plume dem Rembrandt Zeitgenossen Hercules Seghers entlieh (Anna SeKleistpreisträgerin des Jahres 1928 (auf Vorschlag von Hans Henny Jahnn), Jüdin, Kommunistin bald und alsbald auch Emigrantin. Besonders diese Etappe (nicht zuletzt in ihrem Roman "Transit" erzählt) tief berührend, Not und Flucht und Angst und Fremde; Elend eben. Die Dokumente sind klug und gerecht ausgewählt, vom in Hollywood verfilmten Welterfolg "Das siebte Kreuz" bis zu harscher Kritik an ihren kommunistisch betonierten späten Romanen. Ihre somnambule Zärtlichkeit wie ihre Feigheit (im Janka Prozeß), ihre kleinen Hilfesignale (für einen bedrohten Kollegen wie Heiner Müller) und ihre bösen Läßlichkeiten (gegenüber dem alten Weggefährten Georg Lukäcs). Christa Wolfs Frage "Wie wäre das Jahrhundert ohne sie?" ist wohl eine Spur zu groß. Aber die Spuren, die Anna Seghers in dieses Jahrhundert schliff, sind in dem Band vorzüglich nachgezeichnet.