Wer diesen Sommer nach England reisen will, bleibt weiter auf Schiff oder Flugzeug angewiesen. Der Eurotunnel unter dem Ärmelkanal ist zwar fertig, doch die ersten Züge werden nicht vor September fahren.

Der feierlichen Einweihung des Eurotunnels durch Queen Elizabeth II. und Frankreichs Präsidenten Mitterrand wird kein fahrplanmäßiger Betrieb auf den beiden Gleisen folgen. Die verspätete Lieferung der Waggons und die aufwendigen Sicherheitsprüfungen werden offiziell als Gründe für die neuerlichen Verzögerungen genannt.

Wegen der katastrophalen Informationspolitik schießen die wildesten Gerüchte ins Kraut, die von Temperaturproblemen im Tunnel bis hin zu berstenden Windschutzscheiben durch zu große Luftdruckunterschiede reichen.

Einnahmen in dreistelliger Millionenhöhe entgehen den Tunnelbetreibern durch den neuerlichen Verzug. Die sommerliche Hochsaison wird ohne die Autopendelzüge namens Le Shuttle stattfinden. "Wir hoffen, daß wir im September den Verkehr aufnehmen können", sagt Marketingchef Nick Bamford.

Selbst dann werden vorerst nur die geschlossenen Doppelstockwagen fahren, die Autos bis zu einer Höhe von 1,85 Meter aufnehmen können. Die einstöckigen Waggons, die höhere Fahrzeuge wie Busse, Wohnmobile und Autos mit Dachgepäckträgern befördern, werden sogar frühestens im März 1995 durch die fünfzig Kilometer lange Röhre rollen.

Die Tunnelbetreiber kalkulieren damit, daß sie nach der Aufnahme der vollen Kapazität etwa die Hälfte aller Fahrzeuge transportieren werden, die den Kanal auf dem kurzen Seeweg zwischen England und Frankreich über- oder unterqueren. "Der Verkehr wächst jährlich um rund acht Prozent", rechnet Nick Bamford, "inzwischen sind es dreißig Millionen Menschen im Jahr."

Während die Kanalfähren mit verbessertem Service und Sondertarifen locken, soll der Autotransport durch den Tunnel relativ teuer werden. Die Rückfahrkarte für ein Auto mit beliebig vielen Insassen wird zwischen 570 und 810 Mark kosten.