Der wachsbleiche Herr dort, auf dem Totenbett, der ist es. Ein unanständiger Mann. Anrüchige Skandalgeschichtchen des monegassischen Fürstengeschlechts erschüttern die Frau mit Herz auf Brpdick Castle in Schottland. Der Fremdenführer, erfahren im Umgang mit Adelskalendern, nennt unbefangen den Grund des Übels. Eine Erbsünde. Schuld ist der romantische Urahn, der englische Gentleman, den das Gemälde zeigt. Mit seinen Töchtern, heißt es, habe er nur französisch gesprochen. Ein Dichter war er außerdem.

Kent, wo "Hadlow Tower" steht, ein rund dreißig Meter niedriger Miniaturnachbau seines gigantischen Schloßturms, der immerhin halb so hoch gewesen sein soll wie der Köhler Dom. Ein unanständiger Mann "Englands reichster Sohn", glühte Lord Byron. Ein "vergessener Neuerer", schwärmte Stephane Mallarme. Sein bester Leser, Gottfried Benn, gab vor, er selbst sei da "auf einen Engländer des 18. Jahrhunderts gestoßen, der vielleicht der Vater der ganzen nicht didaktischen und nicht erlösungssüchtigen Literatur ist: William Beckford".

Gewiß, es gibt größere Schriftsteller als ihn, doch wenige sind so wirkungsvoll und rätselhaft. In seiner Heimat spricht man ungern über ihn, weil er nicht decent, nicht salonfähig war. Hundertfünfzig Jahre nach seinem einsamen Alterstod im georgianischen Modeort Bath ziert kein frischer Chrysanthemenstrauß seinen selbstentworfenen Rosenquarzsarkophag, niemand gedenkt seiner mit einer vollständigen Werkausgabe im schmucken Leinenschuber.

Nur seine berühmte schaurig skurrile Erzählung vom wollüstigen faustischen Kalifen "Vathek", die man einander in früherer Zeit aus den Händen riß, um sich auf elegante Art zu gruseln, die ist in England stets als preiswertes Taschenbüchlein zu haben. In Deutschland sucht man sie vergeblich. Die letzten Ausgaben, Ende der achtziger Jahre bei Insel, dtv, Artemis & Winkler und The Bear Press erschienen, sind vergriffen, darunter die meisterliche Übersetzung von Wolfram Benda in der Vorzugsausgabe zu 1298 Mark und in der Luxusausgabe zu 4500 Mark. Aber in Frankreich, ach, in Paris, vis ä vis des Jardin de Luxembourg, da gibt es das kleine feine Verlagshaus des seligen Monsieur Jose Corti, und da . doch davon später.

William Thomas Beckford, Autor des "Vathek", wurde am 29. September 1760 auf Fonthill Splendens geboren, einem wuchtigen palladianischen country house in der südwestenglischen Grafschaft Wiltshire. Er war der einzige Sohn des mächtigen Oberbürgermeisters von London, William Beckfords des Älteren, eines ruppigen Haudegens und notorischen Schürzenjägers, und dessen Gemahlin Maria, einer gesetzten Patrizierdame von königlichem Blute. Die Geschichte seines Lebens ist die Geschichte seines Buches. Es ist die Geschichte vieler Bücher. Erzählungen aus "Tausendundeiner Nacht", Reiseberichte aus Japan, Indien, Persien und Afrika, ägyptisierende Freimaurerromane, englische Friedhofselegien, italienische Renaissäncelyrik, antike Epik kaum etwas gab es, das der Jüngling nicht in der Bibliothek seines früh verstorbenen Vaters gefunden hätte. Das meiste verbot sich im Grunde von selbst, denn William war ein verträumtes Kind mit der beunruhigenden Neigung, nicht aufwachen zu wollen.

"Soll ich Euch meine Träume erzählen?" So beginnt die Reisebriefsammlung "Dreams, Waking Thoughts and Incidents", die der Zwanzigjährige nach seiner Studienzeit in Genf und der Kavalierstour durch Europa erfindet. Der Titel verspricht eine neue, überraschend differenzierte Antwort auf die ewige Frage nach dem verzwickten Verhältnis von Dichtung und Wahrheit. Die Briefe halten das Versprechen. Nicht die mittelalterliche Kartause oder der Schweizer Gebirgsgipfel werden eindringlich beschrieben, sondern der Schauder, der Höhenflug, die mitternächtliche Melancholie und der frühmorgendliche Glückstaumel des Betrachters. Das ist nicht die räsonierende, reflektierende, moralisierende Reiseliteratur aufgeklärter Wandersleute. Hier wird geträumt, gefühlt und geschwärmt. Das Buch ist atemberaubend avantgardistisch, und das heißt zutiefst romantisch. Es erscheint erstmals 1971, und zwar in New JerseyUSA.

Ein Träumer, ein Dichter durfte er nicht sein. Kein Dandy, sondern ein Staatsmann. Das Mündel des englischen Premiers sollte das größte, durch Sklaven- und Zuckerrohrhandel erpreßte Privaterbe der Nation antreten und eine glänzende politische Laufbahn. Kurz, fast alle fünfhundert Druckexemplare der Reisebriefe gehörten verbrannt, ebenso wie die abenteuerlich erotischen Manuskripte aus dem fernen Orient, die der phantasiebegabte Erbe von Fonthill zum Verdruß seiner puritanischen Erzieher mit Eifer imitierte.