Schon ihr Name ist Programm: Die "Ärzte ohne Grenzen" helfen überall, wo Not am Mann isti Ob im "bombardierten Goralde oder im ruandisÄen Bürgerkrieg, oft sind sie die ersten die nach ;JSratur? oder Kriegskatastrophen medizinische Hilfe bringen. Während etwa das Internationale Rote Kreuz oder die Vereinten Nationen aus diplomatischen Gründen erst lange auf einen offiziellen Hilferuf warten, kommen die freiwilligen Ärzte und Krankenschwestern der größten privaten Nothilfe Organisation der Welt ungefragt und manchmal auch ungebeten. Dabei erfüllen die Ärzte ohne Grenzen neben ihrer humanitären auch eine journalistische Mission, wenn sie den Blick der Medien gezielt auf das Grauen lenken.

So erfuhr etwa dank der Ärzte ohne Grenzen die Weltöffentlichkeit, wie entsetzlich der Alltag im beschossenen Krankenhaus in GoraZde aussah. Noch immer nennen einige Zeitungen dabei diese Ärzte und Helfer die "französischen Ärzte": Zwar wurde die Organisation Medecins Sans Frontieres (MSF) 1971 von Franzosen in Paris gegründet, doch längst plant MSF von sechs operativen Zentren in Frankreich, Belgien, Holland, Luxemburg, Spanien und Griechenland aus. MSF Deutschland gibt es erst seit einem knappen Jahr.

Wie unkonventionell und blitzschnell der Einsatz der MSF Helfer abläuft, bewiesen sie einmal mehr im Völkerkrieg zwischen Hutu und Tutsi im Herzen Afrikas. Als am 21. Oktober vergangenen Jahres in Burundi der erste demokratisch gewählte Regierungschef Melchior Ndadaya vom Stamm der Hutu durch Offiziere der von den Tut sis beherrschten Armee ermordet wurde, begann ein Gemetzel, das zur Flucht VOR 700 000 Män i nern, Frauen und Kindern führte. Keine drei Tage später stiegen die ersten Mitarbeiter der; belgischen Sektion der MSF in der Hauptstadt Bujambura aus dem Flugzeug, um ihre ärztliche Nothilfe im aufflammenden Bürgerkrieg zu organisieren. Aus den Zeiten der Kolonialherrschaft waren die Belgier mit der Situation in Burundi besonders vertraut. MSF Brüssel ahnte, was kommen würde: Die Flüchtenden hatten die Brücken über den Kanyuru gesprengt und die Straßen nach Ruanda, Tansania und Zaire blockiert. Darum flogen die Ärzte ohne Grenzen kurzerhand nach Ruanda, um von dort aus die Nothilfe zu organisieren. Binnen weniger Tage wurden 126 internationale Ärzte, Krankenschwestern und Logistiker nach Ruanda geschickt.

Seitdem auch in diesem Staat der Konflikt zwischen Hutu und Tutsi immer brutaler wird, mußte ein Großteil der MSF Helfer nach Nairobi evakuiert werden. Drei kleine Teams operieren immer noch im Krisengebiet, wobei sich die Situation dort "stündlich ändern kann", wie Petra Meyer vom Bonner Büro erklärt. Sie bestätigt auch, daß fast 200 örtliche MSF Mitarbeiter in Ruanda ermordet wurden.

Personal und Fonds für diese lebensgefährliche Arbeit der Lebensretter werden aus staatlichen oder privaten Spenden finanziert. Spendenkonto: Ärzte ohne Grenzen, Sparkasse Bonn, Konto Nr. 97 097, BLZ 380 500 00. Festangestellte Ärzte und Krankenschwestern aus mehreren europäischen Staafen bilden den medizinischen Stamm der Not hilfoteams; Den Einsatz in den jElendsgebieten planen und leiten die verschiedenen nationalen Sektionender Notärzte. Vor Ort sind es die medizinischen Koordinatoren, die nach ärztlicher Notwendigkeit handeln und dafür sorgen, daß die "exwerden. Bei der Auswahl dieser einheimischen Mitarbeiter wird einige Härte von den Koordinatoren verlangt, weil die Zahl der Bewerber um solche Stellen sehr groß ist, mancherorts die Dorfältesten mitreden wollen und jeder Clan zum Zuge kommen will.

Das führt dann wie jüngst in Somalia zu Reibungen. Dort forderte der einheimische Chefarzt eines Krankenhauses in Mogadischu von der MSF den Einsatz bestimmter Medizingeräte, die für die Kriegschirurgie ziemlich untauglich, aber bestens geeignet für eine künftige Privatklinik gewesen wären. Als der Wunsch bei MSF auf taube Ohien stieß, mußte sie das Krankenhaus räumen. Eine andere der vielen projekthungrigen Hilfsorganisationen hat dem Chefarzt das begehrte, unnülze Gerät dann gestiftet: Doch kurze Zeit später war es verschwunden und tauchte auf dem Schwarzmarkt wieder auf. Rony Braumann, der schsidende MSF Präsident, machte oft die Erfahrung, "daß auch humanitäre Hilfe töten kann, wenn sie das Böse nicht klar identifiziert". MSF nimmt darum kein Blatt vor den Mund, wo die "french doctors" nicht nur helfen, sondern auch laut anklagen.

Vielleicht hängt es mit dieser konsequenten Art zusammen, daß MSF keine Geschäfte macht. Der Eindruck ist nicht ganz falsch, daß die Medecins Sans Frontieres das rebellische Lebensgefühl der 68er Generation weitertragen. Tatsächlich würde die Idee 1968 in Biafra geboren, wo französische Ärzte mit einer UN Hilfsorganisation Verwundete behandelten und sich an die Konventionen klassischer Hilfsorganisationen nicht mehr hielten. Als Ärzte ohne Grenzen dann drei Jahre später offiziell aus der Taufe gehoben wurde, war einer ihrer Gründerväter der Mediziner Bernard Kouchner, der am Pariser Studentenaufstand im Mai 1968 beteiligt war und sich als "wohltätiger Guerillero" bezeichnete. Kouchner schied später im Streit, gründete 1980 die Medecins du monde und wurde Staatssekretär unter Francois Mitterrand.