Von Christian Tenbrock

Nummer 367, Adison Avenue, ist ein unscheinbares Holzhaus an einer ruhigen, von Bäumen gesäumten Wohnstraße in Palo Alto. Die zum Haus gehörende Garage liegt versteckt am Ende einer schmalen Einfahrt. Ein Schild verweist darauf, daß es sich hier um das kalifornische historische Wahrzeichen 976 handelt: The Birthplace of Silicon Valley.

Die Garage ist Geburtsort der ersten High-Tech-Region der Welt. Als in ihr vor mehr als einem halben Jahrhundert Bill Hewlett und David Packard an simplen elektronischen Bauteilen arbeiteten, blühten im Silicon Valley noch die Aprikosen- und Pflaumenbäume. Heute ist Hewlett-Packard eine der größten Computerfirmen der Welt und das Tal zwischen Pazifik und San Francisco Bay ein Mekka der Hochtechnologie.

Im Jahr 1990 schrieb an der anderen Küste Amerikas die New York Times freilich, daß "Silicon Valley die technologische Bedeutungslosigkeit droht". Zu der Zeit, als die Zeitung dieses harsche Urteil fällte, wähnten sich die Vereinigten Staaten in einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen ihrer Geschichte. Selbstzweifel bedrückten das Land. Die technologische Führung, so schien es, war längst an Japan verlorengegangen. In Detroit symbolisierte die Automobilindustrie den amerikanischen Niedergang, im Silicon Valley waren es die Mikrochiphersteller, die für die Malaise standen.

Doch diese Zeiten sind Vergangenheit: 1994 sind es eher die Japaner, die an ihren Kräften zweifeln. Zwar stöhnen die Bewohner der suburbanen Wucherung vor den Toren San Franciscos über Smog und verstopfte Autobahnen, ansonsten aber herrscht im Silicon Valley eine schon fast wieder übermütige Stimmung. Erneut symbolisieren Halbleiter den wirtschaftlichen Umschwung: Unternehmen aus den Vereinigten Staaten halten einen Anteil von 46 Prozent am Chipweltmarkt, die Japaner dagegen liefern nur 41 Prozent. Noch vor vier Jahren war das Verhältnis umgekehrt. "Die Mikroprozessorenbranche befindet sich fast vollständig im Eigentum Amerikas", brüstet sich Craig Barrett, Spitzenmanager bei Intel, dem größten Chiphersteller der Welt.

Die Vereinigten Staaten haben ihre führende Rolle in den Hochtechnologien zurückerobert. Dies gilt nicht nur für Mikrochips: Kein anderes Land ist in der Informations- und Kommunikationsbranche, die im nächsten Jahrhundert über Wachstum und Wettbewerbskraft bestimmen wird, weiter voran. Dutzende Firmen im Silicon Valley werkeln an der Vermählung von Fernsehen, Telephon und Computer. Alle sind davon überzeugt, daß damit ein Multimediazeitalter bevorsteht, in dem der geschickte Umgang mit einer schier endlosen Datenflut nicht nur über die Konkurrenzfähigkeit ganzer Unternehmen entscheidet, sondern via globaler Datenautobahn auch jeder mit jedem interaktiv verbunden sein wird.

"In den frühen Stadien des Wandels ganzer Industrien ist Amerika immer stark", urteilt Paul Saffo, Berater beim Institute of the Future im Silicon-Valley-Städtchen Menlo Park. Der Kampf um Nischen in dem milliardenschweren Informationssupermarkt entlang der Datenautobahnen sei "der Wilde Westen der neunziger Jahre", ergänzt Suzanne Tichenor vom Washingtoner Council on Competitivness. "Niemand weiß, wo die Grenzen sind, und das bietet der amerikanischen Psyche eine schier endlose Stimulanz."