Obwohl die Bundesbank die Leitzinsen gesenkt hat, sind seit Jahresbeginn die Zinssätze am deutschen Kapitalmarkt um rund einen Prozentpunkt gestiegen. Auch die Börse wurde in Mitleidenschaft gezogen. Im ersten Quartal zeigte der Deutsche Aktienindex (Dax) Kursverluste von fünf Prozent an.

Ausgelöst wurde der Zinsanstieg von der amerikanischen Wirtschaft. Deren Wachstum erwies sich zum Jahresende 1993 als so robust, daß die amerikanische Notenbank Anfang Februar mit einer ersten Anhebung der Zinssätze am Geldmarkt seit fünf Jahren die internationale Zinswende einläutete. US-Staatsanleihen mit Laufzeiten von zehn Jahren verzinsen sich inzwischen mit knapp sieben Prozent, ein Anstieg seit dem Tiefstand im Oktober 1993 um fast 1,8 Prozentpunkte. Auch in den anderen Industrieländern zogen die Kapitalmarktzinsen steil nach oben.

Begründet wird der Zinsanstieg mit wachsenden Inflationsbefürchtungen. Je mehr Industrieländer sich aus dem Rezessionstal lösen, so die Überlegung, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit anziehender Rohstoffpreise, die eine erste Teuerungswelle auslösen könnten. Tatsächlich weist der in US-Dollar berechnete Reuters Commodity Index seit September 1993 auf eine Rohstoffverteuerung um rund 15 Prozent hin. Für die Vereinigten Staaten wird ein Anstieg der Inflationsrate von gegenwärtig 2,5 Prozent auf 3,5 Prozent im kommenden Jahr erwartet.

Eine vergleichbare Entwicklung ist in Deutschland dagegen nicht absehbar. Sowohl der Index der Einfuhrpreise als auch der auf DM-Basis berechnete HWWA-Index der Rohstoffpreise liegen nach wie vor unter den jeweiligen Vorjahreswerten. Auch gemessen an der Entwicklung des Verbraucherpreisindex erscheint ein Anstieg der Kapitalmarktzinsen als weit übertrieben. Die Zahlen der letzten Monate spiegeln eher eine Verlangsamung des Preisanstiegs wider.

Bezeichnenderweise hat sich die Bundesbank von der Inflationshysterie an den Rentenmärkten nicht anstecken lassen. Während die Renditen langlaufenden Anleihen stiegen, setzte sie ihren Kurs der – vorsichtigen – Zinssenkungen am Geldmarkt fort. Die willkommene Folge: Die Zinsstruktur, das heißt das Verhältnis der Renditen kurz-, mittel- und langfristiger Anlagen zueinander, hat sich weitgehend normalisiert. Zahlreiche Ökonomen werten dies als eine Voraussetzung für eine Beendigung der Rezession.

Von einem schwunghaften Aufstieg aus dem Konjunkturtal ist hierzulande allerdings noch nichts zu sehen. Die mageren Wachstumsraten, welche die Wirtschaftsforschungsinstitute für dieses Jahr prognostiziert haben, bewirken bei leicht steigender Kapazitätsauslastung eher mehr Produktivität als Preissteigerungsdruck.

Renditen von mehr als sieben Prozent für langlaufende Bundesanleihen bieten im Gegenteil eine reizvolle Anlagechance. Bis zum Jahresende – Experten rechnen mit einem Renditerückgang bis auf sechs Prozent oder darunter – dürfen die Anleger daher noch einmal auf ansehnliche Kursgewinne hoffen. Möglicherweise wird es danach einige Zeit dauern, ehe risikolose Bundesanleihen wieder einmal so viel abwerfen.