DIE ZEIT: Herr Rau, vor Jahr und Tag hatten Sie einen Wahlkampf unter dem Schlagwort "Versöhnen statt Spalten" geführt. Inzwischen ist Deutschland wiedervereinigt und doch innerlich zerrissener als damals. Wie soll diese Spaltung zwischen Ost und West überbrückt werden?

Johannes Rau: So wie wir nach 1949 den materiellen Aufbau vor die Aufarbeitung gestellt haben, so sind wir jetzt in der Gefahr, daß wir die Einheit ausschließlich als Aufbau der östlichen Länder durch Einführung des Marktes sehen und zuwenig tun, um einander neu zu verstehen. Wir brauchen viele Einzelgespräche. Wir sind einander unsere unterschiedlichen Lebensgeschichten schuldig. Und wir brauchen auch eine Reihe symbolischer Brückenschläge.

ZEIT: Zum Beispiel?

Rau: Man kann die Dresdner Frauenkirche aufbauen, man kann nach Oranienburg in das dortige Konzentrationslager gehen, Orte, die uns zu unserer gemeinsamen Geschichte zurückführen; im guten wie im bösen.

ZEIT: Sie wurden in jüngster Zeit angegriffen als jemand, der die Wiedervereinigung Deutschlands innerlich abgeschrieben hatte. Nach dem Fall der Mauer hieß es, Ihre Landesregierung, in deren Territorium Bonn liegt, habe sich gegen den Umzug nach Berlin gestellt. Sind, waren die Konservativen die besseren Patrioten?

Rau: Ich habe die Wiedervereinigung nie abgeschrieben. Sie war für mich – auch wenn ich das Wort als unpassend empfunden habe, wegen der ersten beiden Silben, weil es mir zu mechanisch und rückwärtsgewandt nach Wiederherstellung klang – immer Ziel meiner Politik. Im übrigen bin ich über das Thema Einheit überhaupt erst in die Politik gekommen – bei der Gründung der Gesamtdeutschen Volkspartei im Jahr 1952. Aber ich gehöre wie alle anderen Politiker zu denen, die eine solche Entwicklung für die damals absehbare Zeit nicht vorhergesehen haben. Das gilt aber auch für den Bundeskanzler und für den Außenminister und für fast alle anderen.

Was Berlin angeht, habe ich mich 1991 für den Verbleib von Parlament und Regierung in Bonn ausgesprochen, aber vor der Entscheidung gesagt, daß die Entscheidung, wie sie auch ausfiele, loyal umgesetzt werden müsse. Daran halte ich mich. Und im ersten Absatz des Antrages, den ich im Bundestag am 20. Juni 1991 begründet habe, heißt es: "Der Bundespräsident hat seinen Sitz in Berlin." Ich glaube in der Tat, daß die Rolle des Bundespräsidenten nirgendwo so gut wahrgenommen werden kann wie in Berlin.