Von Antonella Romeo

Rom

Die 140 ins Parlament gewählten Abgeordneten und Senatoren der Forza Italia nennen sich "Azzurri", die "Blauen", nach den Fußballspielern der Nationalmannschaft. Aber zweifellos passen die Azzurri von Forza Italia besser zu dem vornehmen Parlament aus dem 19. Jahrhundert als zu dem kahlen Zement der Fußballstadien. Es sind feine Leute, daran gewöhnt, zu führen, zu organisieren und erfolgreich zu sein. Die meisten sind Unternehmer und Manager, Universitätsdozenten, Ärzte und Rechtsanwälte. Viele hatten nie irgendwelche politischen Ämter inne. Ein Dutzend der 140 war angestellt bei Fininvest, dem Konzern Berlusconis. Zum Beispiel der Anwalt Vittorio Dotti, Justitiar bei Fininvest, und der Senator Cesare Previti, römischer Anwalt Berlusconis sowie Vizepräsident der Fininvest; dann Gianni Pilo, Direktor von Diakron, dem Meinungsforschungsinstitut der Fininvest, das in den sechs Monaten vor den Wahlen fünfzig Umfragen durchführte und über die Fernsehnetze der Fininvest publizierte – dreißig Telephonistinnen, tausend befragte Personen pro Tag.

Gianni Pilo bildete – ein Novum für Italien – während der Wahlkampagne acht Supervisions-Gruppen: die Mitglieder jeder Gruppe trafen sich regelmäßig unter Anleitung eines Psychologen.

Ins Parlament wurden auch einige Manager von Publitalia, der Fininvest-Werbeagentur, führend in Italien, gewählt. Diese Männer suchten die Kandidaten aus. Einer von ihnen, Enzo Ghigo, ist heute Koordinator von Forza Italia für Piemont. Er sitzt weiterhin in seinem Büro der Publitalia in Turin, über sich eine Decke mit Fresken in Pseudo-Rokoko, hinter sich die rot-grüne Fahne von Forza Italia. "Es war schon eine echte Revolution, so eine Bewegung aus dem Nichts zu schaffen", meint Ghigo. Eine gut organisierte Revolution, aber nicht in zwei Monaten, wie zu lesen war.

Der Abgeordnete Ghigo erzählt, daß er am 10. September vergangenen Jahres zusammen mit 25 weiteren Kollegen, alle Manager bei Fininvest, von Silvio Berlusconi in seine Villa in Arcore bei Mailand eingeladen worden war. Sie sollten zu Verantwortlichen des Projektes Forza Italia ernannt werden. Namen und Symbol gab es bereits – ein Ergebnis sorgfältiger Untersuchungen. "Einige von uns hatten Bedenken wegen des Symbols, bis uns klar wurde, daß es genau das richtige war, um auf die Grundwerte einzuwirken, die das italienische Volk erneuern wollte, wie zum Beispiel die Vaterlandsliebe", erzählt Ghigo. Nach einem 25tägigen Intensivkurs in Sachen Politik schwärmten die 26 Manager, nachdem sie Italien unter sich aufgeteilt hatten, aus, um sich auf die Suche nach Kandidaten zu begeben. In Stadt und Land konnten sie mit der Unterstützung von einigen tausend Fininvest-Vertretern rechnen. Gesucht: Personen mit beruflichem Erfolg, ohne politische Vergangenheit und mit freiem Kopf.

"Enzo Ghigo lud mich im vergangenen Oktober zum Lunch ein", berichtet der Psychiater Alessandro Meluzzi, der im Turiner Arbeiterviertel Mirafiori Süd den Kreisvorsitzenden der PDS, Nachfolgepartei der Kommunisten, besiegte und als Abgeordneter in die Kammer gewählt wurde. Meluzzi hatte sich nach einer Begegnung mit Silvio Berlusconi in dessen Villa, wohin sämtliche Gruppen möglicher Kandidaten umschichtig eingeladen wurden, zur Kandidatur entschlossen. "Silvio Berlusconi hat ein unwiderstehliches Charisma", sagt Meluzzi, "er verfügt über eine phänomenale Intelligenz, schnelles Denken und ist ein charmanter Verführer."