Von Bartholomäus Grill

Johannesburg

Zehn Millionen Stimmen der 22,5 Millionen Wahlberechtigten waren ausgezählt, da packte die Funktionäre des African National Congress (ANC) die Gewißheit: Wir haben die Mehrheit der Sitze im Parlament und Senat, keiner mehr kann uns den Sieg nehmen. Aber so richtig wollten sie an den Triumph erst glauben, als Nelson Mandela die erlösenden Worte sprach – "Ihr könnt es von den Dächern rufen: Endlich frei!" – und die Frau des im Vorjahr ermordeten Genossen Chris Hani den ersten Sektkorken knallen ließ. Als dann der künftige Präsident Südafrikas auch noch im Toyi-Toyi-Schritt über die Bühne tanzte, brach unbeschreiblicher Jubel aus.

In Minutenschnelle, wie ein Virus, befiel die Euphorie ganz Südafrika. Endlich frei! In den schwarzen Townships wurde die ganze Nacht so wild gefeiert, als sei Mandela noch einmal aus der Gefangenschaft entlassen worden. Nur in den weißen Wohlstandsinseln gingen um elf die Lichter aus. Es war genau so gekommen, wie es die Auguren prophezeit und die Südafrikaner entweder ersehnt oder aber befürchtet hatten: Der ANC fuhr die Ernte eines achtzigjährigen Befreiungskampfes ein. Am Ende dieses langen, bitteren Marsches holte sich Nelson Mandela an der Spitze eines Millionenheeres von Erniedrigten mit friedlichen Mitteln, was das Apartheidregime auch mit Gewalt und Terror nicht verhindern konnte: den Anteil an der Macht, den der Mehrheitswille in einer Demokratie bestimmt.

Die weiße Furcht aber, daß demnächst ein schwarzer Präsident und seine Einheitspartei nach Gutdünken dirigieren und diktieren können, ist unbegründet: Der ANC wird nicht allein regieren, dafür sorgen die Übergangsverfassung und die Nationale Partei (NP). Sie stellt den Vizepräsidenten und einige Minister in der "Regierung der Nationalen Einheit", zudem den Länderchef in einer von neun Regionen, die der ANC nicht im Sturmschritt erobern konnte. In der westlichen Kap-Provinz kommt ausgerechnet der NP-Hardliner Heraus Kriel ans Ruder. Er hat seinen Wahlsieg der farbigen Bevölkerungsmehrheit in diesem Landesteil zu verdanken. Die "Weltkinder in der Mitten" – sie sind weder schwarz noch weiß – entschieden sich für das "kleinere Übel". Die runderneuerte NP konnte die Coloureds in einem mitunter rassistisch geführten Wahlkampf überzeugen, daß sie der einzige Garant für Wohlstand und Stabilität sei. Der ANC aber, dieser kommunistische Wolf im demokratischen Schafspelz, werde das Land nur "afrikanisieren", sprich: ruinieren.

In der gewaltgeplagten Provinz KwaZulu/Natal wurden die Meinungsforscher widerlegt. Hier hat, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen ist, die IFP die Nase vorne, jedenfalls bis zum Abbruch des Zählprozesses. Überhaupt konnte Buthelezi landesweit ein überraschend gutes Ergebnis erzielen. Bis kurz vor Torschluß hatte er gedroht, die Wahlen zu boykottieren. Nun geht er als drittstärkste Kraft aus ihnen hervor. Er konnte viele der eher konservativ eingestellten, zulusprachigen Landsleute auf seine Seite ziehen, dazu eine größere Zahl von Schwarzen, denen der ANC zu unberechenbar und die NP zu unglaubwürdig ist.

Dennoch hat auch die Nationale Partei besser abgeschnitten als erwartet; sie lag Dienstag abend, als die Auszählung wieder einmal unterbrochen werden mußte, bei 22,1 Prozent. Das ist allein Präsident de Klerks Verdienst. In einer von der britischen Werbeagentur Saatchi & Saatchi gestylten Einmannschau ist es ihm gelungen, den Großteil der Anhänger, die schon 1992 per Referendum für seinen Reformkurs gestimmt hatten, beieinanderzuhalten und erstaunliche Zugewinne in der afrikaanssprachigen Gemeinde der Farbigen zu verbuchen. Offenbar konnte er auch einige Schwarze davon überzeugen, daß keiner seiner Mitstreiter nach dreißig Jahren Apartheid Blut an den Händen habe.