Von Barbara Hartl

Wie gemein dürfen Journalisten sein? Dürfen sie über Bettaffären von Politikern herziehen? Dürfen sie Abgeordnete dabei filmen, wie sie sich am kalten Büffet auf Kosten des Steuerzahlers zum dritten Mal bedienen? Mit versteckter Kamera? Dürfen sie in alten Finanzspekulationen einer bewunderten First Lady herumschnüffeln?

In den Vereinigten Staaten scheint die Antwort von Zeitungslesern und Fernsehzuschauern klar: Nach jüngsten Meinungsumfragen sinkt ihr Respekt vor Journalisten kontinuierlich. Jüngstes Beispiel: die Whitewater-Affäre. Die Mehrheit der Amerikaner gibt an, sich nicht für die lange zurückliegenden Immobiliengeschäfte des Präsidentenpaars zu interessieren. Dennoch übertrumpfen sich die Medien jede Woche mit neuen Enthüllungen und Pseudo-Enthüllungen. Im Stadtmagazin New York schreibt Jon Katz: "Whitewater ist das beste Beispiel dafür, wie sich der Journalismus immer weiter von seinen Konsumenten entfernt."

Katz gehört zur Zunft der Medienkritiker, denen in amerikanischen Zeitungen, in Nachrichtenmagazinen und im Fernsehen mehr und mehr Platz eingeräumt wird. Allein die Los Angeles Times beschäftigt vier Reporter, die ausschließlich über das eigene Gewerbe berichten. Fragen, die in Deutschland allenfalls an Journalistenschulen oder in Universitätsseminaren gestellt werden, sind in den Vereinigten Staaten ein Stoff für die Massenmedien geworden.

Wie Seismographen beobachten die media watchdogs (Medienwachhunde) Amerikas einflußreichste Zeitung, die New York Times, die als sogenanntes paper of record, als Dokument der Vergangenheit, im ganzen Land für künftige Generationen archiviert wird. Es handle sich bei Whitewater, der Lieblingsaffäre des "aufgeblähten Washingtoner Pressekorps", in erster Linie "um eine Produktion der New York Times mit tatkräftiger Unterstützung der Kampfhunde/Wadenbeißer (pit bulls) von der Kommentarseite des Wall Street Journal", schrieb Jon Katz. Das trug ihm umgehend eine vierspaltige Replik in der New York Times ein, die ihn beschuldigte, sich zum Sprachrohr des Präsidenten zu machen.

Kritik der Presse an der Presse war in den Vereinigten Staaten seit den sogenannten Pressekriegen des vergangenen Jahrhunderts verpönt. Erst Ende der sechziger Jahre entstanden die ersten Fachblätter, die im Gefolge des Vietnamprotestes die Medien zu kritisieren begannen, sagt Everette Dennis, Direktor des Zentrums für Medien, Freedom Forum, an der New Yorker Columbia University. Heute gibt es eine Fülle von Spezialzeitschriften und Interessengruppen, die sich einzig und allein der Medienbeobachtung widmen.

Das Monatsmagazin Lies of Our Times (Lügen unserer Zeit) kommentiert die Berichterstattung der New York Times und anderer etablierter Blätter von links. Mitgründer William Schaap will "den Einfluß von Geheimdiensten und staatlicher Propaganda auf die Establishmentpresse entlarven". Das Blatt hat rund 9000 Käufer und kämpft ums Überleben. Anders die Rechtsaußengruppierung Accuracy in Media (AIM, Genauigkeit in den Medien). Sie kaufte gerade für 30 630 Dollar Anzeigenplatz in New York Times und Washington Post, um die von der Mainstream-Presse angeblich unterdrückte Leidensgeschichte der Paula Jones zu veröffentlichen. Die ehemalige Staatsbedienstete aus Clintons Heimatstaat Arkansas behauptet, der Präsident habe sie während seiner Zeit als Gouverneur von einem seiner uniformierten Beschützer zu Sexspielen in ein Hotelzimmer bringen lassen. Die New York Times druckte die Anzeige mit diesen Beschuldigungen vor zwei Wochen auf einem Viertel ihrer Kommentarseite. AIM verkündet Medienkritik außerdem in einer wöchentlichen Fernsehshow, einem täglichen Radiokommentar und einem newsletter.