Von Gisela Dachs

Kairo

Noch am späten Dienstagabend rangen Jassir Arafat und Jitzhak Rabin in Kairo um einen Kompromiß über die wesentlichen Punkte des ersten Interimsabkommens. Knapp acht Monate nach der "historischen" Prinzipienerklärung von Oslo stand die Einigung endlich bevor. Die Aufmerksamkeit wird sich nun auf die Testphase für eine palästinensische Autonomie in Jericho und im Gazastreifen richten.

Wie ein Löwe kämpfte der PLO-Chef seit Wochen um seine Beute, die nationalen Symbole. Israel wiederum wehrte sich bis zum Schluß, dem neuen palästinensischen "Gebilde" eigene Briefmarken, eine eigene internationale Telephonvorwahl, eigene Pässe, eine Zentralbank (wenn auch vorerst noch ohne eigene Währung) und eine Börse zuzugestehen. Verärgert hatte Israels Ministerpräsident Rabin den Palästinensern zu Beginn der Woche mangelnde Vorbereitung vorgeworfen: Sie seien noch gar nicht bereit, die Verantwortung in Gaza und Jericho zu übernehmen. Tatsächlich lassen die Anweisungen aus dem PLO-Hauptquartier in Tunis auch die eigenen Stellen im Ungewissen. Bis heute weiß niemand so genau, wer in Zukunft welche Aufgaben übernehmen soll.

Der vollständige Abzug der israelischen Armee aus den autonomen Gebieten soll binnen weniger Tage nach der Unterzeichnung des Interimsabkommens erfolgen. Zuständig für die Sicherheit ist demnach die palästinensische Polizei. Zur Ausrüstung der ersten tausend Ordnungskräfte, gehören gebrauchte norwegische Uniformen, britische Knüppel und Schutzschilde und mit griechischen Funkanlagen ausgestattete amerikanische Lastwagen. Mit deren Hilfe muß Jassir Arafat beweisen, daß er gegen die Fanatiker im eigenen Lager entschieden vorgehen will und kann.

Um die Selbstverwaltung möglichst ungestört organisieren zu können, hat die PLO vergangene Woche mit der fundamentalistischen Hamas-Bewegung eine Art Versöhnungsabkommen geschlossen. Ihren Vertretern wurde eine Beteiligung an der Autonomieregierung zugesichert. Im Gegenzug deuteten Hamas-Leute an, sie würden zumindest in den von der PLO kontrollierten Gebieten, also in Jericho und im Gazastreifen, jede militärische Tätigkeit unterlassen, die der neuen "Regierung" Schwierigkeiten bereiten könnte. Im Abkommen steht allerdings nichts über mögliche Terrorakte gegen jüdische Siedlungen oder innerhalb des israelischen Staatsgebietes.

Zudem betonen die Hamas-Sprecher weiterhin, daß sie dem "zionistischen Gebilde auf palästinensischem Boden" keinerlei Existenzrecht zuerkennen wollen. Sie seien allenfalls zu einem zeitlich begrenzten Waffenstillstand mit Israel bereit. Diesen wiederum machen sie abhängig von der vollständigen Räumung aller Siedlungen in der Westbank und im Gazastreifen. Israelische Kommentatoren vergleichen diese Formulierung mit dem Standpunkt der PLO in den siebziger Jahren, als diese zum ersten Mal das "Phasenkonzept" vorbrachte, bevor sie sich entschloß, Israel anzuerkennen. Andere Beobachter warnen indes – das algerische Beispiel vor Augen – vor den Wölfen im Schafspelz. Hamas wolle zwar von den demokratischen Spielregeln profitieren; dies sei jedoch keineswegs als ein Zeichen plötzlicher Mäßigung zu denken.