Von Klaus-Peter Schmid

Wenn sich Ende Juni die zwölf europäischen Staats- und Regierungschefs auf der griechischen Insel Korfu versammeln, wollen sie etwas Besonderes finden: einen Nachfolger für Jacques Delors, den Präsidenten der Europäischen Kommission. Gesucht ist dann der Eurosupermann, der fünf Jahre lang an der Spitze der Brüsseler Kommission steht – und das verspricht alles andere als einfach zu werden.

Ende 1994 läuft das Mandat der siebzehn Brüsseler Kommissare aus – und damit geht auch die Ära Delors zu Ende. Zehn Jahre lang steht der Franzose nun schon an der Spitze Europas, wie keiner seiner Vorgänger hat er die europäische Einigung vorangetrieben. Von Delors stammt der Vorschlag, aus der EWG, also einer Freihandelszone mit angeschlossenem Agrarmarkt, einen Markt ohne Grenzen zu machen, in dem sich Kapital, Waren, Dienstleistungen und nicht zuletzt die Menschen frei bewegen können. Seit Januar 1993 ist die Idee weitgehend Wirklichkeit.

In Delors’ Amtszeit fiel die Verabschiedung der Maastrichter Verträge, die allerdings nicht ganz seiner Vorstellung entsprechen. Delors war es, der das Konzept des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR) entwickelte, das die Efta-Staaten mit dem Binnenmarkt der Zwölf verband. Und schließlich hinterläßt er quasi als Vermächtnis das Weißbuch "Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung", das ein Konzept für den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit bietet.

Einen ebenso glaubwürdigen wie tatendurstigen Mann ersetzt man nicht im Handumdrehen. So ist es nicht verwunderlich, daß hinter den Brüsseler Kulissen die Diskussion um den Nachfolger schon seit Monaten im Gang ist. Einigkeit herrscht bisher nur über zweierlei: Das Rennen ist völlig offen, und nach dem französischen Sozialisten Delors wäre ein konservativer Vertreter eines kleinen Landes an der Reihe.

Ansonsten darf spekuliert werden – etwa über die Chancen von Sir Leon Brittan, 54, der sich als einziger Kandidat selbst ins Gespräch gebracht hat. Er ist seit 1989 Mitglied der Europäischen Kommission, und der gewandte britische Konservative läßt niemanden kalt. Für die einen hat er Durchsetzungsfähigkeit bewiesen, als er zunächst die europäische Wettbewerbspolitik gestaltete und sich danach bei den Gatt-Verhandlungen auch durch Frankreich nicht vom Weg des Freihandels abbringen ließ. Für die anderen ist er der überhebliche, pomadige Sir Leon, der kompromißlos seine Vorstellungen durchsetzt und allzugerne im Rampenlicht steht.

Niemand kann jedoch dem Mann, der im Kreis seiner Kollegen selten die Hilfe eines Dolmetschers braucht, mangelnde Substanz oder das Fehlen von Überzeugungen nachsagen. Wenn er es für richtig hält, widerspricht er auch der britischen Politik und preist beispielsweise die "Überwindung der Angst vor einem Souveränitätsverlust". Kein Wunder, daß London seine Kandidatur nur halbherzig betreibt. Da er es zudem mit Paris spätestens seit dem Gatt-Marathon verscherzt hat, sind die Chancen des wohl kompetentesten Kandidaten für die Delors-Nachfolge nur gering.