Von Eleonore Büning

Meiningen hat sich feingemacht für diesen 1. Mai. Freilich hängen keine roten Fahnen aus, nur eine einzige riesige schwarzrotgoldene flattert in der Georgstraße. Aber die Stadtkirche ist von außen frisch geputzt, drinnen wurde die "Reger"-Orgel überholt, in fünf Tagen feiert man Orgelweihe. Heute feiern die Meininger ihren vormaligen Hofmusikintendanten Hans von Bülow.

Er wohnte zwar nur für fünf Jahre hier und war nicht oft daheim. Aber jetzt schmückt sein Namenszug (grün auf weißem Grund) alle Schaufenster, von der neuen Niederlassung der Hypobank über den Friseur bis zu Quickschuh. Überall grüßt sein Konterfei. Und der Gast fühlt sich fast so belagert wie in Bayreuth zur Festspielzeit (nur, daß Bülows Blick eher seitwärts an der Nachwelt vorbeigeht, Wagner dagegen in der Regel jedem ins Auge schaut). Bei "Dohl’s Backstuben" liegen, zwischen den Brötchenattrappen, sogar Notenblätter im Fenster aus. Es handelt sich um den "Bülowmarsch", komponiert von Franz Liszt im Januar 1884, gewidmet der Meininger Hofkapelle und vom Abbé versehen mit der Vorbemerkung, daß sein Freund und Exschwiegersohn Hans von Bülow "als Virtuos, Docent, Dirigent, Kommentator, Propagandist, ja selbst manchmal humoristisch gelaunter Journalist" immer auch ein "Obmann des musikalischen Fortschritts" gewesen sei. Heute, am ersten Mai, wird in Meiningen zur Feier seines hundertsten Todestages das erste Hans-von-Bülow-Denkmal enthüllt.

Es gibt viele schöne Denkmäler in Meiningen, die halbe Stadt ist sozusagen Denk-Mal. Man denkt sofort: Gründerzeit, wenn man ankommt auf dem Bahnhof. Man denkt sich: Tschingderassa, wenn man die Prachtstraße entlang fährt, einmal rechts und zweimal links herum bis zum Theater, bei dessen Anblick man abermals Gründerzeit denkt oder vielleicht: Bismarck. Und so denkt man auch, wenn man dann dem Begründer all dieser großformatigen Herrlichkeiten, dem Theaterherzog Georg II., zum ersten Male selbst begegnet, in Öl, Marmor oder Speckstein. Sogar der liebliche Englische Garten hinter dem Theater ist vollgestellt mit Denkmälern. Dort steht, neben einem blühenden Kirschbaum, auf einer Säule die Büste von Jean Paul, der auch einmal kurz hier in Meiningen weilte. Dort findet man Ruinen, Gräber, versteckt einen kleinen Gedenkstein für den unbekannten Genossen mit Thälmann-Mütze sowie, auf halber Höhe, das erste deutsche Denkmal für Brahms, gerahmt von einer Terrasse, flankiert von leidlich bequemen Sandsteinbänken. Und man schaut ihn an, und er schaut zurück, und man denkt sich: Was denkt sich der wohl eben gerade?

Dazu sind Denkmäler da. Dazu hat das denkmalwütige 19. Jahrhundert die deutsche Landschaft so zugepflastert mit großen Bismarcktürmen und kleinen Ehrenplaketten, damit spätere Generationen, wenn sie eben Gelegenheit dazu haben, nachdenken über Großes und Kleines, Kleingeist und Großmut gestern und heute.

Der Brahms dort oben auf dem Meininger Hügel, der hätte sich sicherlich sehr amüsiert, hätte er hören können, wie sich da unten im Theaterrestaurant am 1. Mai 1994 die Musiker und Musickritiker in die Haare darüber gerieten, wie man seine zweite, die D-Dur-Symphonie spielen soll: ob mit oder ohne Wiederholungen. Wie da beispielsweise der Herr Schellenberger, seines Zeichens Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker, wütend auf den Tisch haute, weil er sich und seine Kollegen an der Künstlerehre gepackt sah. Wie eine aufgeregte Einheimische sich beschwerte über den mangelnden Kunstverstand der Zugereisten und namentlich Claudio Abbado anraunzte, er habe unseren gemütlich-romantischen Brahms völlig falsch, nämlich viel zu dramatisch und schnell dirigiert. Wie sich Abbado dann verteidigte unter Verweise auf Furtwängler, Klemperer sowie Toscanini, die ja auch bei der Zweiten von Brahms nicht wiederholt hätten.

Bis dann am Ende zwar alle sehr betroffen und beschäftigt waren, der eine mit lokalpolitischen Problemen, der andere wahlweise mit der künstlerischen Wahrheit oder der europäischen Idee, doch keiner mehr an denjenigen dachte, um dessentwillen man hier eigentlich zusammengekommen war: an Hans von Bülow.