Nicht immer ist zu preisen, was als preiswürdig von klugen Juroren erkannt worden ist. In diesem Falle jedoch wollen wir vollkehlig loben. Ein Buch ist gekürt, das zu lesen nicht nur Spaß macht, sondern besonders in unseren etwas wirren Zeiten der Orientierungssuche dringend notwendig erscheint. Seit die ideologischen Rattenfänger von rechts ihre Jagd nach menschlicher Beute mit dümmlichen Glaubenspostulaten und Haßtiraden wieder hoffähig gemacht haben, seit die traditionellen Großparteien sich vehement in tiefe Selbstzweifel stürzen, seit eine wachsende Zahl von Bürgern Politikverdrossenheit artikuliert, ist die Demokratie ins Gerede gekommen. Die Sehnsucht nach Ordnung und autoritärer Führung verführt allzu viele dazu, sich dem Glauben nach einfachen Lösungen hinzugeben, die Sündenböcke für Fehlentwicklungen nicht auch im mangelnden eigenen Engagement, sondern bei "der Politik" oder bei "den Fremden" zu suchen. Manche gar sehen bereits das ganze System gescheitert: die zugegebenermaßen schwierig zu lebende, aber als friedliche und tolerante Form des Zusammenlebens von Gemeinschaften unerreichbare und damit unverzichtbare parlamentarische Demokratie.

Das Autoren- und Gestaltungstrio Friedemann Bedürftig, Dieter Winter und Birgit Rieger ist aufgestanden wider den Geist der Gleichgültigkeit und des zynischen Verneinens. Und sie haben sich den Leserkreis gewählt, der für die Zukunft unserer Republik und seiner geistig-politischen Werte entscheidend ist, die Jugend. Ein schmales Bändchen ist das Ergebnis, das auf höchst sympatische Weise zum nüchternen, aber auch herausfordernden Plädoyer für die Demokratie gerät. Ein Lehrbuch ist es geworden, das den pädagogischen Zeigefinger nicht penetrant in die Höhe hebt. Ein Ratgeber auch, denn der jugendliche Leser wird nicht in die Passivität entlassen, sondern in zahlreichen Bemerkungen und ganz praktischen Hinweisen zum "Mitmachen" aufgefordert. "Vielleicht stellst du bei deiner aktiven Mitarbeit ... fest", so endet der Textteil, "daß man gemeinsam Einfluß nehmen kann auf das, was ‚die da oben‘ tun."

So schlicht und klar wie der Titel – "Das Politikbuch" – sind auch die Sprache des Textes und die anschaulichen, der lässig-unaufgeregten, gelegentlich komischen Welt der Comics entlehnten graphischen und zeichnerischen Darstellungen. Schlicht heißt hier aber nicht dumme oder törichte Vereinfachung, sondern der bewußte und weitgehend gelungene Schritt, fundamentale Fragen des Aufbaus und des Funktionierens von Demokratie, hier speziell der Bundesrepublik, ohne theoretische und ideologische Vernebelungen herauszuarbeiten und damit sichtbar zu machen. Was ist Politik? Warum zahlen wir Steuern? Wie ist unser Rechtswesen organisiert? Wie funktioniert der parlamentarische Entscheidungsprozeß? Welche Aufgaben haben die Parteien? Wie arbeiten die Medien? Sehr lesbare, letztlich sogar spannende Lehrstunden in Sachen Demokratie werden hier geboten.

Aber die Autoren bleiben nicht im Formalen stecken. Sie greifen auch die großen Fragen der Zeit auf, reflektieren über Umweltschutz, Asylgesetzgebung oder die Weltwirtschaftsordnung. Nicht Klagegesänge oder politische Urteilsschelten stehen dabei im Mittelpunkt, sondern die Suche nach demokratischen Antworten, die Aufforderung, sich in den öffentlichen Diskurs als heranwachsender Bürger einzumischen. Die knappen historischen Rückblenden auf Kaiserreich, Weimarer Republik und Nazidiktatur zeigen zudem, wohin der Weg ohne Engagement für eine offene, plurale Demokratie geführt hat.

So ist es denn auch ein Buch wider den vermeintlichen Zeitgeist der Resignation und der Abwendung vom "Öffentlichen". Demokratie als Angebot an eine Gesellschaft, die nur dann über sich selber entscheiden kann, wenn sie nicht in Passivität versinkt. So ließe sich vielleicht die Intention der Autoren am treffendsten umschreiben. Dieses Buch zeichnet das aus, was Demokratie sein kann: offen und selbstbewußt ihre Werte zur Diskussion zu stellen, nicht ohne Selbstkritik, aber in der Gewißheit, daß es keine humane Alternative in der rauhen Wirklichkeit menschlichen Zusammenlebens gibt. Jugendliche müssen dies erlernen, Erwachsene sollten immer wieder daran erinnert werden. Dieses kleine Buch könnte zu beidem beitragen. Wilhelm von Sternburg

  • Friedemann Bedürftig/Dieter Winter/Birgit Rieger:

Das Politikbuch