Am Donnerstag wollte er auf keinen Fall. Am Freitag zierte er sich bereits. Am Samstag war er gewählt. Ohne Gegenkandidaten, mit überwältigender Mehrheit wurde Erich Loest neuer Bundesvorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS). Eine vernünftige Entscheidung – und gerade deshalb überraschend. Denn in den 25 Jahren seines Bestehens ist der VS selten durch Vernunft und Pragmatismus, oft dagegen durch ideologische Verblendung und entfesselte Streitlust aufgefallen.

Der 68jährige Loest ist so etwas wie die menschgewordene Geschichte der Schriftstellerverbände in Ost- und Westdeutschland, aus denen 1991 der gesamtdeutsche VS wurde. Vom DDR-Verband wurde er ausgeschlossen, sieben Jahre war er Häftling in Bautzen. 1981 kam er in die Bundesrepublik und mußte erleben, daß dem westdeutschen VS Dissidenten nicht in den Kram paßten, weil ihre bloße Existenz der sorgsam gepflegten Utopie eines sozialistischen Staates Hohn sprach. Zwar wurde Loest auf dem skandalträchtigen Kongreß 1984 in Saarbrücken zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt, aber er diente der linken Beton-Fraktion unter dem Engelmann-Nachfolger Hans-Peter Bleuel nur als Feigenblatt, hinter dem man ungehemmt weiter Friedenspolitik ohne Menschenrechtspolitik treiben wollte. Loest blieb trotzdem in der Gewerkschaft – und bekam nun mit den Ovationen nach der Wahl seine späte Genugtuung.

Für den VS war Loest die letzte Chance vor dem Versinken in völliger Bedeutungslosigkeit, und endlich einmal waren die Delegierten klug genug, sie zu nutzen. Der gebürtige Sachse ist einer der letzten prominenten Autoren in der Gewerkschaft und wird vielleicht weitere bekannte Kollegen in den Verband zurückbringen. Seine Morgengabe ist ein "Polenplan", ein großangelegtes Projekt zur "Förderung polnischer Literatur in Deutschland und deutscher Literatur in Polen" und zugleich eine Art Wiedergutmachung für die verfehlte Polen-Politik des VS in den achtziger Jahren, als man es eher mit dem vermeintlichen Sozialisten Jaruzelski als mit den Katholiken von Solidarnosc hielt. Immerhin unterstützen Grass, Lenz, Reich-Ranicki und Christa Wolf Loests Vorhaben. Daß ein "Deutschlandplan" zur Bekämpfung der literarischen Armut im Lande und im Verband auch not täte, kam niemandem in den Sinn – zu groß ist die Hoffnung, im Sog der klangvollen Namen könnte der VS an kulturpolitischer Bedeutung zurückgewinnen.

Dazu muß die Schriftstellergewerkschaft allerdings erst einmal ein zeitgemäßes Selbstverständnis entwickeln. Viele der großen, genuin gewerkschaftlichen Forderungen der Gründerjahre (Altersversorgung für Autoren, Musterverträge bei Verlagen et cetera) sind erfüllt – wozu also noch die "Einigkeit der Einzelgänger", die Heinrich Böll bei der Gründung gefordert hatte? "Re-Literarisierung" hieß ein Zauberwort, aber dafür fehlt nach den streitbedingten Austritten der letzten Jahre die künstlerische Potenz. Erschöpft und harmoniesüchtig sucht man Halt und Schutz unter Erichs freundlichem Regiment. Der hat zwar keine Visionen, aber wenigstens ein paar Pläne, sein Stil ist zupackend ("Nu will ich euch mal was sagen ..."), seine PR-Arbeit souverän.

Und auch mit der leidigen Verbandshistorie hantiert er ebenso bestimmt wie einfühlsam: Die Geschichtskommission, die in den möglichen Stasi-Verstrickungen des West-Verbandes wie der allzu innigen Verbindung des Ost-Verbandes zum SED-Regime bislang etwas planlos herumstocherte, wird ihre Arbeit fortsetzen: nicht als Tribunal über Engelmann, Bleuel, Kant & Co., sondern in erster Linie als Materialsammlung. Auch als Historiker ist der neue Vorsitzende Pragmatiker: "Zeitgeschichte ist Geschichte, die noch qualmt." Um sich daran nicht die Finger zu verbrennen, soll die abschließende Beurteilung vorsichtshalber nachfolgenden Generationen überlassen werden.

So viel Eintracht war nie. "Wir haben gar nicht gewußt, wie gut wir sind", lobte der "Boß" sich und die Seinen. Gut stimmt nur, weil es schlimmer kaum kommen konnte. Aber mit Loest könnte es immerhin ein bißchen besser werden.

Christof Siemes