Von Helga Keßler

Kaum sind die Osterhasen verschwunden, schickt die Schokoladenindustrie die Maikäfer ins Rennen. Lange Zeit sah es so aus, als hätten die Krabbeltiere nur in dieser ästhetisch wie kulinarisch eher schlichten Form überlebt Doch die Totgesagten sind wieder da. Einige Exemplare haben die Giftattacken der fünfziger Jahre überlebt. Von Förstern unbemerkt, wuchsen mancherorts kräftige Populationen heran. 1987 und 1991 traf es den Karlsruher Hardtwald, 1986 und 1990 die Wälder im südhessischen Ried. In lange nicht mehr gesehenen Massen schwärmten die Maikäfer aus und fraßen mit ihren kräftigen Beißwerkzeugen die Blätter von den Bäumen. Doch während die Bäume mit dem Johannistrieb erneut austreiben und das Freßgelage unbeschadet überstehen, richten die Larven der Käfer gravierende Schäden an. Während ihres dreijährigen Bodenlebens fressen sie die Wurzeln junger Bäume und verhindern so in stark befallenen Gebieten jede Neukultur.

Schlecht steht es um den Wald im südhessischen Forstamt Lampertheim. Engerlinge fraßen dort auf knapp 7000 Hektar Fläche die Laubholzkulturen, die den Kiefernwald ökologisch aufwerten sollten, ab. Inzwischen wurde ein Pflanzverbot verhängt. Denn Probegrabungen vom Herbst 1993 zeigten, daß der Waldboden überreichlich mit Engerlingen bestückt ist. Für dieses Jahr rechnet das Forstministerium mit einem "Massenflug" der Maikäfer. Dieser Tage wurden die ersten Exemplare entdeckt, fast gleichzeitig mit den Raupen des Schwammspinners (ZEIT Nr. 13/1994). Und wie dieser gilt der Maikäfer seit 1987 wieder als Schädling, dessen Ausbreitung verhindert werden muß. "Wertvolle Flächen müssen erhalten bleiben", fordert Hansjochen Schröter von der Forstlichen Versuchsanstalt in Freiburg, die die Bekämpfung der Maikäfer wissenschaftlich begleitet.

In den fünfziger Jahren, als der Maikäfer wesentlich weiter verbreitet war, fiel die Methodenwahl noch leichter. "Maikäfer stirb!" gab die Filmwochenschau damals als Parole aus. In strategisch geplanten "Bekämpfungswellen" kamen Sprühkanonen, Flugzeuge und Hubschrauber zum Einsatz. Sie tauchten Wälder und Felder und mit ihnen die gesamte Fauna und Flora in Wolken von DDT, Lindan oder E605. Die Engerlinge bekamen mit den Wurzeln Gifte zu beißen, die zuvor in den Boden eingearbeitet worden waren. Zum zweiten Feind der Engerlinge wurde der Pflug. Er beförderte die Larven, die sich noch im Boden verstecken konnten, an die Oberfläche und warf sie den Vögeln zum Fraß vor. Der Erfolg war durchschlagend: In den sechziger Jahren war der Maikäfer nahezu ausgerottet. Vorbei war’s mit der Käferkrabbelei. In den siebziger Jahren präsentierten Zoos die Krabbeltiere als seltene Vertreter einer vom Aussterben bedrohten Art. Den Liedermacher Reinhard Mey inspirierte dies zu einem "Käfer-Requiem". Als die Bundespost dem Tierchen im vergangenen Jahr eine Briefmarke widmete, war längst klar, daß der Maikäfer überlebt hatte.

Kaum tritt das Insekt mancherorts jetzt wieder in Massen auf, löst es erneut Bekämpfungswellen aus. Allerdings ist das heutige Vorgehen wesentlich differenzierter, gezwungenermaßen. Nur der Feldmaikäfer Melolontha melolontha darf noch mit dem Fraßgift Rubitox attackiert werden, das mit dem E605 verwandt ist. Wurde früher auch der Waldmaikäfer Mololontha hippocastani mit Chemie totgeschlagen, gerät heute das Wissen um biologische Zusammenhänge zur Waffe. Statt Gift versprühen Hubschrauber Sporen des Pilzes Beauveria über den befallenen Wäldern. Die Käfer schleppen den Krankheitserreger bei der Eiablage in den Boden ein und töten damit allmählich ihre eigene Brut. Effektiver, aber eben auch für andere Insektenlarven tödlich, ist der Häutungshemmer Dimilin, der auch gegen die Raupen des Schwammspinners eingesetzt wird. Als wirksam erwies sich ferner das Öl der Samen des indischen Niembaumes: Wie erste Versuche zeigten, werden die Maikäfer flugunfähig und steril. Außerdem nutzt man die Beobachtung, daß Maikäferweibchen zur Eiablage nur bewachsene Flächen aufsuchen. Regelmäßiges Pflügen verhindert den Bewuchs und befördert zudem die Engerlinge an die Oberfläche. Versuchsweise werden in einigen Plantagen Netze aufgespannt, um die Maikäfer am Fliegen und damit an der Fortpflanzung zu hindern.

Völlig ausrotten lassen sich die Maikäfer mit diesen Methoden zum Glück nicht. Dafür sind sie viel zu angepaßt. Biologen haben beobachtet, daß Maikäfer bei Wind und Regen unter stark belaubte Bäume flüchten oder sich in die Erde eingraben. Als Sicherheitsreserve werten sie auch den Umstand, daß ein Teil der Weibchen wesentlich später schlüpft als die anderen. Kälteeinbrüche nach dem Schlüpfen und längere Regenzeiten können zwar die Käfer dezimieren, nicht aber die Engerlinge. Die Larven überstehen den Winter, indem sie sich bis zu einem Meter tief in den Boden eingraben. Im Frühjahr krabbeln sie wieder in höhere Schichten. Anhaltende Regengüsse, selbst Überschwemmungen überstehen sie unbeschadet. Im Unterschied zu den Käfern können sie bis zu zwei Wochen ohne Sauerstoff auskommen. Selbst eine allmähliche Klimaerwärmung versteht der Maikäfer für sich zu nutzen: Die Generationszeit der Tiere verkürzt sich dann von vier auf drei Jahre. Und mit der Ortstreue nehmen’s die Maikäfer auch nicht so genau. Zwar weiß man, daß die Weibchen für die Eiablage am liebsten den Ort wieder aufsuchen, an dem sie aus der Erde gekrochen sind. Fehlen jedoch geeignete Eiablageplätze oder wird die Population zu groß, fliegen die Weibchen neue Reviere an. So ist seit 1986 die befallene Fläche in der nördlichen Rheinebene um das Sechsfache angestiegen – trotz aller Bekämpfung der Krabbeltiere.