Frédéric Clements huldigendes Verständnis für Katzen, das er schon in einem seiner schönsten Bücher, "La Chatte Blanche", auslebte, hat mit dem vorliegenden japanischen Märchen wieder ein ihm gemäßes Sujet gefunden. Japanische Schriftzeichen begrüßen schon auf Vorsatz und Titelblatt, stehen erläuternd über jeder Textseite: mukashi – vor langer Zeit; dann Kind; Wunsch; Zeichnung; Dämon; Katze; Kampf; Stille und Sieg; fuku für Glück und schließlich kan für Ende. Diese 500 Jahre alte Legende, die berichtet, wie die Tuschbilder des Künstlers Sesshu Toyo so lebensecht gerieten, daß die Tiere darauf lebendig werden konnten, wurde bereits von dem Wahljapaner Lafcadio Hearn auf englisch nacherzählt und 1898 zuerst in Tokio herausgegeben.

Die jetzt erschienene Fassung von Arthur A. Levine hält die Mitte zwischen Märchenton und verhaltener Erzählung. Mukashi – zur Zeit einer Dürre und Hungersnot, bringt eine Bäuerin ihren Sohn Kenji ins Kloster zu den Mönchen. Von klein auf hatte er nichts im Sinn, als zu malen, und auch hier, wo absoluter Gehorsam und Selbstentäußerung gefordert werden, vernachlässigt Kenji immer wieder die aufgetragene Arbeit. Am liebsten malt er Katzen. Als ungehorsam und faul wird er fortgejagt, erhält aber von einem gütigen Mönch Pinsel und Tuschetäfelchen zum Abschied sowie den rätselhaften Rat: "Meide große Räume in der Nacht, bleibe in kleinen!", der ihm später das Leben rettet. Ohne Ahnung von der Gefahr, in der er schwebt, bemalt Kenji in einem verlassenen und gemiedenen Tempel alle vorhandenen Wandschirme mit majestätischen, starken, geschmeidigen Katzen. Bis die Nacht kommt und er sich, wie ihm geraten wurde, einen "kleinen Raum" sucht, um sich zu verkriechen, denn Ungutes geht nun vor: Seine Geschöpfe werden lebendig und nehmen den Kampf – tatakai – mit dem Bösen, dem Rattendämon, auf.

Cléments Bilder erinnern bisweilen an Szenen aus Kurosawas "Träume" und an die für japanische Künstler typische Fähigkeit, das Wesen der Dinge aufzuspüren und es zum Sigel der Form zu Vereinfachen. Nichts ist auf diesen Bildern zufällig, kein Ast, kein welkes Blatt, selbst die Steine haben ihre Funktion und Sprache. Beinah jedes Bild strebt eine nahezu strenge Vollkommenheit an; Sinn für die maßvolle Plazierung der Details prägt seine Proportionen. Die Schönheit des Kahlen, Schroffen, Bizarren, die Faszination des Unbeweglichen, Einsamen, ja Grausigen kommen in diesen traumartigen Landschaften, in denen keine Sonne scheint, nichts blüht und unter deren Erde man die stetige bedrohliche Arbeit vulkanischer Kräfte förmlich zu spüren meint, auf eine Art zum Ausdruck, daß es einen hinreißt. Erst auf dem letzten Blatt, betitelt "Glück" – fuku –, gibt es einen hellen Schein, doch geht er weder von Sonne noch Mond aus, sondern es leuchtet der Pinsel des Malers Kenji beim Verfertigen einer langen Reihe silberweißer, graziöser Katzen.

Karla Schneider

  • Arthur A. Levine/Frederic Clement:

Der Junge, der Katzen malte

Aus dem Englischen von G. G. Wienert; Verlag an der Este, Buxtehude 1993; 24 S., 32,– DM