Keine Frühstückszeremonie, nur Teechen und Stulle. Seit acht Jahren bin ich allein, vorher war ich achtzehn Jahre lang verheiratet. Dann wollte Renate nicht mehr, ich war zu oft weg, viel gearbeitet, hatte andere Weiber, das tut einer Frau weh. Sie ruft mich noch an, will Nettigkeiten austauschen. Na, husteste immer noch? Haste immer noch das mit deinem Bein? Deprimiert mich. Sie wollte die Trennung. Ich hab ihr damals klipp und klar gesagt, paß uff, Renate, dann bin ich tot für dich.

Jetzt hab ich eine Haushälterin, ältere Dame, wohnt unter mir im vierten Stock. Kommt jeden Dienstag zu mir hoch. So schön gebügelte Hemden hatte ich noch nie. Frau Kohlert hat mir einen kleinblättrigen Gummibaum gebracht, danach hattse mir noch einen Topp hingestellt und noch einen und noch einen. Dann wolltse mir noch einen hinstellen, ich hab gesagt, den will ick nicht mehr, ich will nicht im Dschungel leben " Morgens geh ich durch das "Architekturbüro Pieper & Partner", begrüße meine fünf Angestellten. Telephonieren, Schriftverkehr regeln, Entwürfe abstimmen. Dann rücken die Fachdisziplinen an, Heizung, Lüftung, Sanitär. Wo lang geht die Leitungsführung, wie läuft die Elektrotrasse, wo kommt der Zähler hin? Anrufe von den Baustellen. Ick muß raus, vor Ort klären: Da haut einer ne Wand weg, sind aber noch Rohre drin. Was machste nun? Wer glaubt, ein Architekt sitzt den ganzen Tag am Reißbrett und macht sensible Entwürfe, quatsch. Ick bin Künstler, Arbeiter, Manager.

Seit ich ein blühender junger Mann war, bin ich Chef gewesen. Mein erstes richtig großes Ding war das Versorgungsgebäude der Charite. Als das auf einmal in der Gegend stand, Mann, Mann, Mann, da war ick beeindruckt von mir. Der Job ist hart. Dir kann immer ein Fehler unterlaufen. Plötzlich merkste, da haut was nicht hin, das geht nicht auf. Die Bauherren, meine Kunden, haben ihre Allüren, die quälen dich. Die zahlen und forderndafür absolute Ergebenheit.

Der schlimmste Auftrag: Frau Doktor will ein Haus. Die hat große Vorstellungen, hat sich die Bilderchen alle genau angeguckt. Ein großes Bad möchtse, das und das und das. Ich mache die Zeichnungen, die kannse natürlich nicht lesen, Aber: Das hab ich mir ganz anders vorgestellt. Die Oma zieht doch mit ein, soll ihre eigene Toilette haben. Andererseits, wenn die Oma mal nichl mehr ist - also doch keine Toilette. Lieber einen zusätzlichen Durchgang, ne extra Kellertreppe, Neuer Plan, wird alles gemacht, selbstverständlich, Grundriß optimal ausgeknautscht. Ich sag: Das Haus kostet 600 000 Mark. Da fälltse erst mal um. Damit hat sie nicht gerechnet. Die hat gedacht, sie kriegts für die Hälfte. Mußte ihr Mut machen, mußtse streicheln, ermuntern, die ist ganz krank vor Aufregung, ist doch klar, ihre ganzen Ersparnisse, das Haus ist ihr Leben.

Zu Ostzeiten war die Beschafferei die Hauptsache, Mangelwirtschaft, es gab nichts. Nur mit Tricks war an Material ranzukommen. Ich wollte mal eine goldene Wand haben. Wer sollte so was machen? Gab ja keinen, der gesagt hat, gern, Herr Pieper, gern mach ich Ihnen eine goldene Wand, weil ich ja daran auch verdiene. Nein, du wurdest verhöhnt für ne besondere Idee: Da hat er sich aber wieder wat ausgedacht!

Wie schnell heute gebaut wird! Gefällt mir gut. In dieser DDR war alles schlapp, aber gebaut hast du für ewig. Ich habe so viele Kneipen gemacht, schöne Dinger dabei. Die "Suppenterrine" am Alexanderplatz, das Kaffeehaus - marmorierte Wandbespannung mit Spiegelstreifen kombiniert. Die Pizzabude mit kobaltblauen Fliesen, das kleine Espresso. Das waren Schritte nach vorn in der Innengestaltung der DDR, denn die östliche Kneipenwelt war gekennzeichnet durch den gut gepolsterten Stuhl, Einheits Ocker und PVC Belag mit Parkettmuster.

Ich hatte es mit komplizierten Auftraggebern zu tun. Ich wollte keine Gardinen. Mußte HO Gastronomen überzeugen, stellt euch vor: keine Gardinen, wie in Budapest. Denn von Budapest hamse alle geschwärmt jDas einzige Stück Welt, das sie kannten. Der Magistrat hat nach tagelangem Affentheater einen Kompromiß entschieden: Keine Gardinen erstmal, wenns schiefgeht, rüsten wir nach. Meine Alex Kneipen sind nun zu, abgerissen, weg. Mein Chinarestaurant, Ecke Leipziger, ist zur Hälfte weg. Der Vergnügungspalast an der Friedrichstraße steht seit der Fertigstellung 89 leer. Wunderbare Räume, Restaurants, Tanzsäle, Nachtbar, Sauna und Spielbank sollten da rein. Eine Versicherung hat das Grundstück gekauft, will einen Büroklopper da hinsetzen. Mein Haus wird fallen, sie werden es sprengen.