Von Claudia Steinberg

Henry Louis Gates Jr., weltgewandter Literaturprofessor und mehrfach mit Preisen bedachter Autor, pflegt scharf zu beobachten. Den Unterschied zwischen der "kleinen Apartheid" in Frankreich zum Beispiel und jener in den USA beschreibt er so: "In Paris werde ich als Gast im Foyer eines Hotels an den Champs-Elysees von einem anderen Gast für einen Taxifahrer gehalten, trotz meines Kaschmirschals, trotz meines teuren Trenchcoats. In New York würde mir das nicht passieren. Dafür nimmt mich dort selbst am hellichten Tag kaum ein Taxifahrer mit."

Er lacht, ohne eine Spur von Verbitterung, eher belustigt über seine Fähigkeit zur distanzierten Betrachtung schmerzhafter Erfahrungen, und lehnt sich bequem in den wuchtigen, dunklen Lederfauteuil, das einzige auf Ehrwürdigkeit bestehende Element in seinem Arbeitszimmer an der Harvard-Universität, wo Henry Louis Gates die Abteilung für afroamerikanische Studien leitet.

Sein Thema ist der Rassismus. "Wenn wir von der schwarzen und der weißen, der jüdischen und der arischen Rasse reden, sprechen wir, biologisch gesehen, in Fehlbezeichnungen und allgemein in Gleichnissen." Also: bildlicher Ausdruck, Tropus einer willkürlichen Abgrenzung. Wenn er nach Einbruch der Dunkelheit einer einsamen weißen Studentin auf dem verlassenen Campus begegnet, kann freilich auch der prominente Professor der Passantin nicht erklären, daß sie sich eigentlich nur vor einer Metapher fürchtet, und so wechselt er mit einem beruhigenden Lächeln auf den Lippen in einem solchen nicht seltenen Falle entgegenkommend die Straßenseite.

Die "Dekonstruktion des Begriffes Rasse", wie Gates es nennt, ist mittlerweile ein Imperativ für alle Seminare der afrikanischen und afroamerikanischen Forschung. Die in den späten achtziger Jahren gegründeten einschlägigen Fachbereiche, ursprünglich in erster Linie auf die Untersuchung der schwarzen Geschichte orientiert, haben sich inzwischen vor allem auf die Literaturkritik spezialisiert, und der Literaturwissenschaftler Henry Louis ("Skip") Gates, dessen großer Traum es ist, eine "Encyclopaedia Africana" zu schaffen, hat dazu erheblich beigetragen.

Gates entdeckte vor einigen Jahren den ersten "schwarzen" Roman, "Our Nig" von Hariet Wilson aus dem Jahre 1859, und mit seinem Buch "Signifying the Monkey" schuf er die Grundlage einer spezifisch schwarzen Literaturkritik. Ein Politikum war das geschriebene Wort für die Schwarzen Afrikas und Amerikas schon immer – seit der Aufklärung, die die Schriftsprache als sichtbare Manifestation der Vernunft begriff, mußte sich der verachtete "Neger" immer wieder seine humane Existenz erschreiben. Gates: "Nur durch die Beherrschung einer westlichen Sprache konnte sich ein Schwarzer als Mensch erschaffen, in der langen rassistischen Tradition der westlichen Literatur wurde immer wieder verlangt, daß Schwarze ihre Menschlichkeit unter Beweis stellen."

Von seiner Abteilung an der Harvard-Universität hofft er, daß sie sich als Welthauptquartier für afroamerikanische Forschung etabliert: "Wir verstehen uns nicht als ein Institut zur Belieferung einer amerikanischen, sondern einer internationalen Kundschaft. Es ist wichtig, daß diese akademische Disziplin überall auf der Welt gelehrt und gelernt wird, von schwarzen wie von weißen Professoren und Studenten, sonst ist es keine wirkliche Wissenschaft." Er hat es sehr bedauert, daß ein hochqualifizierter weißer Kandidat, für den er 49 Empfehlungsschreiben verfaßte, nicht in den Lehrkörper eines Black Studies Department aufgenommen wurde. Mit Emphase besteht er darauf: "Jeder kann sich jede noch so fremde Kultur erschließen, Motivation und Neugierde vorausgesetzt."